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imNamender persönlichen Freiheit – überhaupt alle „jenseitigen Siche-
rungen“verloren gegangen seien. (Thalmann1932, 34–35)
Mit der Degradierung jenseitiger Heilslehren bleibe dem liberalen
Bürgernurnochdas „WarenhausderErde“,dasGlück zuversprechen im
Stande sei. Nicht mehr in der Besinnung auf Ewigkeiten, sondern im
„AuskostenderAugenblickswerte“, inder „kurzfristige[n]Spekulationdes
Erfolgs“undinder„zweckmäßigenAusbeutungderWelt“siehtThalmann
dieZielrichtungdes liberal-bürgerlichenStrebens.Dabei seidieserBürger
vor allem auf weltliche Macht und die „preziöse[ ] Ausprägung der
Pflichtengegen sich selbst“aus:AlsEgoist undSelbstliebhaber verliere er
sich inder „Unersättlichkeit“und sammle alles, obBaustile, Stimmungen
oderLiebschaften,umes fürdie „Zweckmäßigkeit seinesWohlbefindens“
zu adaptieren. (Thalmann 1932, 36–37) Die Konzentration auf das
oberflächlich Dekorative, auf die Sensation, führe gemeinsam mit der
Ausschaltung jeglicher „kosmische[r]Ordnung“ einerseits zu einer uner-
hörten Verlustangst, die denMenschen „bis zur größten Schmerzemp-
findlichkeit“ zerreibe; andererseits dazu, dass „[j]ede Einheit des Lebens
zerfällt“. Der Bürger, der sich selbst fremd wird, der nur noch – wie
Hofmannsthals Andrea inGestern – „grenzenloseWeiten“um sich sieht,
versuchesichinpsychologische„Hilfskonstruktionen“zuretten.Soverlege
er inseinemHangzurSelbstbespiegelungden„Herrschersitz“vomJenseits
überdie „Erdenkruste […] insUnbewußte“undmache sich–mitFreuds
Unterstützung – selbst zumNeurotiker. (Thalmann1932, 38–39)Trotz
Einsamkeit undder „Unfähigkeit,Wurzeln zu fassen“, erkläre der liberale
Bürger „dasWortMensch“zur einzigenAntwort auf dieFrage „nachden
Zusammenhängenmit derWelt“. Gerade darin aber, dass sich die bür-
gerlichenIndividuennichtmehralsFamilie,nichtmehralsVater,Mutter,
Bruder,Schwester,SohnoderTochterbegreifenkönnen,sondernnurnoch
als „Menschen“, erkenntThalmanndas„[V]erkünden[der]Masse“.Einer
Massefreilich,diesichausbeziehungslosenEgomanenzusammensetzeund
gegen die nicht anzukommen sei, ohne auf die letzte „Möglichkeit einer
Erlösung ausdemSubjektiven“, auf denKrieg, zurückzugreifen, denn, so
Thalmann, Fritz vonUnruhsEinGeschlecht (1917) zitierend: „Von jeder
EinzelgierhatunsdasFeuerbaddesKriegsgeheilt […].“(Thalmann1932,
39–40)
Der ,natürliche‘, alltägliche Tod hingegen könne den bürgerli-
chenMenschen in seiner selbstverliebten Ichbezogenheit nichtmehr irri-
tieren. In einem „Risikohandel[ ] mit der Ewigkeit“ habe der liberale
Mensch den Tod nämlich „wie ein rechtschaffenes Du dem eigenen Ich
gegenüber[ge]stell[t]“,um„inderKampfposegegen ihndieVerschiebung
III.2. Konservativ-pessimistische Zeitdiagnose einer Intellektuellen 169
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Germanistik in Wien
Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
- Title
- Germanistik in Wien
- Subtitle
- Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
- Author
- Elisabeth Grabenweger
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Location
- Berlin
- Date
- 2016
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-045927-2
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 290
- Keywords
- German literary studies, literary text, history, first female scholars, Wiener Germanistik, Wissenschaftsgeschichte
- Category
- Lehrbücher