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wert erhalten diese ,bürgerlichenGefüge‘ nicht; vielmehr spielen sie nur
noch als Stichwortgeber und „Belege für gesellschaftliche Tatbestände“97
eine Rolle, was Thalmann – in ihrem einzigen Satz zumVerhältnis von
Geschichte und Literatur – in wissenschaftlich naiv anmutender
Schlichtheitbegründet:„DaßaberderKünstlerdenStoffwählt, liegtdarin
beschlossen, daßdieZeit ihn gewählt hat.“ (Thalmann1932, 11)
Naiv war diese Literaturauffassung, nach der literarische Texte nur
nochalsSchreibanlassmit Illustrationswert fungierten, jedochkeineswegs.
VielmehrentsprachsieeinerForderungdeswissenschaftlichenFeldes,nach
der die einzelnenForschungsdisziplinen nichtmehr nur von ,sich selbst‘,
sondern ganz allgemein vom ,Leben‘ zuhandeln haben sollten.98Mitder
Professionalisierung und Spezialisierung der Literaturwissenschaft bzw.
-geschichteandenUniversitäteninderzweitenHälftedes19.Jahrhunderts
warderenSelbstanspruchalsInstanzmitWelterklärungskompetenz,dieihr
als Teil der allgemeinen (voruniversitären) (Kultur-)Geschichte noch zu-
gesprochenwordenwar,zurückgegangen.99InAuseinandersetzungmitden
ersten professionalisierten, also universitär-disziplinierten literaturge-
schichtlichen Arbeitsweisen, die man ab der Jahrhundertwende nach-
träglich als ,positivistisch‘ zu simplifizieren geneigtwar, etablierte sich ab
den 1910er Jahren aber eine Schar vonGermanisten, die in unterschied-
lichsten Konzepten (zumeist unter dem Label ,Geistesgeschichte‘) den
Kompetenzbereich derGermanistikwieder auf alle kulturell-gesellschaft-
lichen Belange auszuweiten gesinnt war.100Orientierte sich dieUniversi-
tätsgermanistikbei ihrerEtablierungabderMittedes19.Jahrhundertsam
Wissenschaftsideal der Klassischen Philologie, so war es ab den 1880er
Jahren, als dieNaturwissenschaften die Führungsrolle imWissenschafts-
system zu übernehmen begannen,101 die Philosophie, die – im Sinne
97 SoHeinrich Lützeler in seiner Rezension vonThalmannsDie Anarchie imBür-
gertum.Lützeler: Problemeder Literatursoziologie (1932), S. 477.
98 Damit rekurriertemanauf „jeneBildungspotentiale […],diedenNeuaufbauder
deutschenUniversität nach 1800 begleitet hatten:Wissenschaft sollte nicht nur
Kenntnisse überGegenstände undMethoden vermitteln, sondernCharakterbil-
dung, Erziehung auch für das alltägliche Leben des einzelnen Individuums be-
fördern“.Kolk:Reflexionsformel undEthikangebot (1993), S. 42.
99 ZurLiteraturgeschichte alsTeil der allgemeinenGeschichte vgl. Fohrmann:Das
Projekt der deutschenLiteraturgeschichte (1989).
100 RainerRosenbergmeinte,dassesderGeistesgeschichteauchtatsächlichgelang,die
„Kompetenz fürWeltanschauungsfragen“ in den Geisteswissenschaften zurück-
zuerlangen.Rosenberg: LiteraturwissenschaftlicheGermanistik (1989), S. 23.
101 Vgl. dazu Stichweh: Zur Entstehung des modernen Systems wissenschaftlicher
Disziplinen (1984).
III.2. Konservativ-pessimistische Zeitdiagnose einer Intellektuellen 173
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Germanistik in Wien
Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
- Title
- Germanistik in Wien
- Subtitle
- Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
- Author
- Elisabeth Grabenweger
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Location
- Berlin
- Date
- 2016
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-045927-2
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 290
- Keywords
- German literary studies, literary text, history, first female scholars, Wiener Germanistik, Wissenschaftsgeschichte
- Category
- Lehrbücher