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verstärkter Abgrenzungsbemühungen zwischen Geistes- und Naturwis-
senschaften – zur „für Erkenntnistheorie zuständigen Grundlagendiszi-
plin“102 erhobenwurde.103Gerichtetwar dieseHinwendung zur Philoso-
phie immerauchgegendenphilologischenBetriebinderGermanistik,der
mit seiner Idealisierung von Gelehrsamkeit, Tatsachenforschung und
wissenschaftlicherRedlichkeitabernie–trotzvielfacherBekundungendes
Gegenteils in den 1910er, 1920er und 1930er Jahren –104 als ernst zu
nehmendeAusrichtungder Literaturwissenschaft abgelöstwurde.105
Thalmanns Text ist vor diesen Grenzausweitungs- und Verschie-
bungsbemühungen in derGermanistik zu betrachten. Als wissenschaftli-
che Referenzen für ihre Studie verweist Thalmann auf keinen einzigen
germanistischen Philologen; die Arbeiten von Wilhelm Scherer, Erich
Schmidt, JakobMinor,AugustSauer,RichardMoritzMeyerundanderen
zur Literatur des 19. Jahrhunderts fehlen völlig. Dafür finden sich im
Literaturverzeichnis (nicht im Text, da Thalmann Friedrich Gundolfs
Praxis derFußnotenverweigerung folgt) soziologischeundphilosophische
StandardwerkewieGeorgSimmelsSoziologie (1908),ArthurLiebertsDie
geistige Krisis der Gegenwart (1923) und Ludwig vonMises’ Liberalismus
(1927), aber auch politisch einschlägige Studien wieDie Bedeutung der
Wirtschaft im philosophischen Denken des 19. Jahrhunderts (1921) des
konservativ-antidemokratischen Soziologen und ,Lebensphilosophen‘
Hans Freyer sowieLuxus undKapitalismus (1913) des zunächstmarxisti-
schen, später nationalkonservativen undnationalsozialistischenKapitalis-
muskritikers und Staatswissenschaftlers Werner Sombart.106 Thalmanns
Erkenntnisinteresse lagnichtinderErforschungderLiteratur,warnichtan
102 Dainat:DeutscheLiteraturwissenschaftzwischendenWeltkriegen(1991),S.601.
103 Vgl. Sauerland: Paradigmawechsel unter demZeichen der Philosophie (1993).
104 Einen gutenÜberblick über dasAusmaßdes Selbsterklärungsbedürfnisses in der
Germanistik zu dieser Zeit geben zwei Bibliographien, zum einenDainat: Lite-
raturwissenschaftliche Selbstthematisierungen 1915–1950 (2003); zumanderen
Dainat/Fiedeldey-Martyn:LiteraturwissenschaftlicheSelbstreflexion1792–1914
(1994).
105 Vgl.Barner:ZwischenGravitationundOpposition(1993);Dainat:Überbietung
der Philologie (1993).
106 Dass sichThalmannaufdie sichuniversitärgeradeprofilierendeSoziologie stützt,
entspricht der Einschätzung desWienerGermanisten und sozialdemokratischen
LehrersOskar Benda, der die Literatursoziologie in den 1920er Jahren zumTeil
demkonservativen(rechten)Lagerzurechnet.Benda:DergegenwärtigeStandder
deutschenLiteraturwissenschaft (1928),S.20–25.–Thalmannselbst firmiertbei
Benda aufgrund ihrer StudieGestaltungsfragen der Lyrik (1925) unter „Formaläs-
thetischeLiteraturforschung“. Ebd., S. 43.
III.Marianne Thalmann
(1888–1975)174
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Germanistik in Wien
Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
- Title
- Germanistik in Wien
- Subtitle
- Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
- Author
- Elisabeth Grabenweger
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Location
- Berlin
- Date
- 2016
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-045927-2
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 290
- Keywords
- German literary studies, literary text, history, first female scholars, Wiener Germanistik, Wissenschaftsgeschichte
- Category
- Lehrbücher