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Autoren, Schreibbedingungen, Rezeptions- oder Editionsverfahren ge-
knüpft, zielte also insgesamt nicht auf die Etablierung derVerfasserin im
FeldderPhilologie.VielmehristderTextdurcheine(Selbst-)Transkription
in zumindest ein anderesFeldmotiviert: indie konservativeKulturkritik,
dieKulturphilosophie, das gehobeneFeuilleton;107 also indaswilde, aber
renommeeträchtigeFeldderWelterklärungs- bzw.Weltanschauungstexte,
das zeitgenössisch auch viele andere germanistischeKollegenwieHerbert
Cysarz,RudolfUnger,FriedrichGundolf,HarryMaync,FranzKoch,Max
Kommerell, Hermann August Korff und Oskar Walzel bedienten.108
Thalmann führte damit einVorgehenweiter, das bereits in ihrerHabili-
tationsschrift angelegt war, das der Literatur die denkbar schwächste Po-
sition als Anlass beimaß und als letzte Dekompositionserscheinung der
germanistischenGeistesgeschichte gelesenwerden kann.109
III.3.WienerKarriere undWeggang in dieUSA
Die StudieDie Anarchie im Bürgertumwar Thalmanns letzte Veröffent-
lichung, bevor sie nach achtjähriger Privatdozentinnentätigkeit zum
Wintersemester 1933 die Wiener Universität verließ und in die USA
emigrierte. An der Wiener Germanistik war mit der Berufung Josef
Nadlers 1931 ein erklärter Gegner der Geistesgeschichte und –wie sich
innerhalb kürzesterZeit herausstellen sollte – auch einGegnerMarianne
Thalmanns zum Leiter der neugermanistischen Abteilung bestimmt
worden.Hatte sichThalmannwenige Jahre zuvornochumeineNähe zu
Nadlerbemüht, ihm1923 ihreHabilitationsschriftDerTrivialromanund
107 RichardNewald stellte schon inBezug auf ThalmannsTextGestaltungsfragen der
Lyrik(1925)fest,dassThalmanns„Schreibart[…]subjektiv“sei,sieeine„Neigung
zu phrasenhaftenBildungen“und „bildhaft unverständlichen Sätzen“ habe; ihre
Studie„geistreich,miteinemandernWortjournalistisch“,also„nichtmehralseine
Plauderei“ sei.Newald:MarianneThalmann,GestaltungsfragenderLyrik [Rez.]
(1926), S. 114–115.
108 Franz Schultz bemerkte bereits für die Zeit ab 1890, dass nunmehr „die ,Welt-
anschauung‘, die vonScherer undden seinen inVerruf getanwar, dasObjektder
literaturwissenschaftlichen Behandlung wurde“. Schultz: Die Entwicklung der
Literaturwissenschaft vonHerder bisWilhelmScherer (1930), S. 42.
109 Albert Köster konstatierte 1922, dass es sich bei der Geistesgeschichte um eine
„Zeitkrankheit“handle,diedazuführe,dass„jederHansundjedeGretedurchihre
spielereimit einpaarproblemenundbegriffen einkleinerDiltheyunddurchdie
verhunzung unserer muttersprache schon ein kleiner Simmel zu sein“ meinte.
Köster:KurtGassen, Sybille Schwarz [Rez.] (1922), S. 150.
III.3.Wiener Karriere undWeggang in dieUSA 175
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Germanistik in Wien
Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
- Title
- Germanistik in Wien
- Subtitle
- Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
- Author
- Elisabeth Grabenweger
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Location
- Berlin
- Date
- 2016
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-045927-2
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 290
- Keywords
- German literary studies, literary text, history, first female scholars, Wiener Germanistik, Wissenschaftsgeschichte
- Category
- Lehrbücher