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habe.51 In einem anderenAufsatz, der den programmatischenTitel „Der
EintrittderGermanen indieWeltgeschichte“52 trägt,bemühteer sich,das
erste Auftreten der Germanen auf 225 v. Chr., also um mehr als ein
Jahrhundert als bis dahin geltend, vorzuverlegen, was zeitgenössisch des-
halb bedeutsam erschien, weil damit auch die „Anfänge deutscher Ge-
schichte überhaupt“53 früher anzusetzen seien.Breiter angelegt istMuchs
BuchDeutsche Stammeskunde, das1900zumerstenMalund1920bereits
in dritter Auflage erschien.Darin entwickelte er seine Ansicht von einer
eigenen nordischen „Rasse“54, in der er denGrundstock des indogerma-
nischen „Urvolkes“ sah.55Dieses wie auch die ersten ,echten‘Germanen,
beidenenes sich lautMuchum„das rassenreinste aller indogermanischen
Völker“56 handelte, siedelte er inMitteleuropa und Südskandinavien an.
Darauf aufbauend entwarf Much ein Panorama der einzelnen, von ihm
angenommenen Germanenstämme,57 um schließlich auf die Herausbil-
dung des „deutschen Volksstammes“ näher einzugehen, der in Muchs
WeltbildnochinderGegenwartdesfrühen20.Jahrhundertsbestand.58Als
Grundlage solcher Forschungen dienten nebenTacitus’Germania, deren
Neuedition und -kommentierung Much selbst 1936 abschloss,59 auch
Mythen,Sagen,MärchenundBrauchtumsüberlieferungendesganzen, als
germanisch angenommenen Europa. Aus diesen Texten wurden religi-
onsgeschichtliche und volkskundliche Befunde erstellt, sie wurden also
51 Much:DerNameGermanen (1920).
52 Much:DerEintritt derGermanen in dieWeltgeschichte (1925).
53 Kraus:RudolfMuch [Nekrolog] (1936), S. 36.
54 Diesezeichnete sichbeiMuchdurchden„blonde[n]Typus“aus.Much:Deutsche
Stammeskunde (1920), S. 14.
55 Much:Deutsche Stammeskunde (1920), S. 8–20.
56 Much:Deutsche Stammeskunde (1920), S. 25.
57 Much:Deutsche Stammeskunde (1920), S. 65–131.
58 Much:DeutscheStammeskunde (1920),S.132–137.BeiMuchginges immer–
ähnlichwie bei August Sauers stammeskundlichemKonzept einer Literatur ,von
unten‘ – umdieHerausbildung einer völkischen Identität, die jenseits vonKlas-
sengrenzen etabliert werden sollte, also um eine volksnahe, antimoderne, anti-
urbane und heimatverbundeneWeltsicht. Was Sauer aber dazu diente, das ab-
strakteKonzeptderNationzuvermeiden,erfuhrbeiMucheinestriktgermanisch-
deutscheAusrichtung.
59 Much:DieGermaniadesTacitus (1937).–SeinenKommentarzurGermaniades
Tacitus,hinterder, soKlausvonSee,„obgewolltoderungewollt[,]dasSchemades
Vergleichs von junger, unverbrauchter, unverdorbener Kultur und alter, überzi-
vilisierter, erschlaffterKultur“ stehe,weiteteMuch in „ebenso alberne[r] wie un-
verfrorene[r] Interpretation“ zu unverhohlen antirömischen Affekten aus. See:
DeutscheGermanen-Ideologie (1970), S. 11–12.
IV. LilyWeiser
(1898–1987)194
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Germanistik in Wien
Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
- Title
- Germanistik in Wien
- Subtitle
- Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
- Author
- Elisabeth Grabenweger
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Location
- Berlin
- Date
- 2016
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-045927-2
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 290
- Keywords
- German literary studies, literary text, history, first female scholars, Wiener Germanistik, Wissenschaftsgeschichte
- Category
- Lehrbücher