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Schlagwort ,Kontinuität‘ operierte. „Wandel“ war für diese Forschungs-
bereiche, wie Hermann Bausinger 1971 treffend bemerkte, „eine eher
störende Kategorie“. Vielmehr setzten sie „Kulturkonstanz“ und „konti-
nuierlicheTradition“alsunhintergehbareVoraussetzungen, sodasses ihnen
möglichwar, „spärliche Belege über Jahrtausende hinweg“ zu verbinden.
BeidemGermanistenMuchundseinenSchülernbezeichnete„Kontinuität
in erster Linie Fortdauer der ,völkischen‘ Substanz, es ging um die ger-
manischeKontinuität“.76
DieserWissenschaftsauffassung folgte auch LilyWeiser. In der Ein-
leitung ihrerbeiMucheingereichtenDissertation Jul.Weihnachtsgeschenke
undWeihnachtsbaum von1923 schrieb sie, siewolle herausfinden, ob „es
ein heidnisch-germanisches Fest [gegeben habe], das vom Christenfest
aufgesogen wurde“ und ob „die volkstümlichen Bräuche“ rund um das
Weihnachtsfest „römisch-antiken“, „christlichen“odergermanischen„Ur-
sprunges“seien.77DiesoformuliertenForschungsfragenwarenProgramm:
VorallemversuchteWeiserzubeweisenoderzumindestzuplausibilisieren,
dass das zeitgenössischeWeihnachtsfestmit seinenverschiedenenBrauch-
elementen indirekter (wennauchnicht unbedingt offensichtlicher) Linie
von Fruchtbarkeitsriten und Totenzauberritualen einer vorchristlich-ger-
manischenZeit abzuleiten sei.
Zu diesemZweckweist sie im ersten,mit „Jul“ überschriebenenAb-
schnitt ihrer Dissertation zunächst die Ansicht des Sozialdarwinisten
Alexander Tille und des Historikers Gustav Bilfinger zurück, dass die
volkstümlichen Bräuche rund um dasWeihnachtsfest von alten Jahres-
anfangsfesten stammen.78 Gemäß ihrer Forschungsprämisse gibt sie als
Grund dafür an, dass der Jahresanfang für ein deutsches Fest keine Be-
deutung haben könne, weil das Zelebrieren desselben „spezifisch-orien-
talisch“ sei. Da bei den „germanischen Jahreszeiten […] ein bestimmter
Neujahrstag als scharfer Einschnitt“ generell fehle, sei, soWeiser, „jener
Behauptung,daßdieVolkstümlichkeitunseresWeihnachtsfestesdurchdie
Übertragung der altenNeujahrsfeste zu erklären sei, die Grundlage ent-
zogen“.Vor allem stellt sie fest, dass sich die zeitgenössisch großeBedeu-
tungdesWeihnachtsfests überhauptnur erklären lasse,wennesdas „Erbe
einesheidnisch-germanischenFestesangetretenhätte“.Damit setztWeiser
76 Bausinger:Volkskunde [1971], S. 77–78.
77 Weiser: Jul (1923), S. 2. – ImFolgenden im Fließtext zitiert als (Weiser 1923,
[Seitenangabe]).
78 Bilfinger: Untersuchungen über die Zeitrechnung der alten Germanen. Teil 2
(1901);Tille:Geschichte der deutschenWeihnacht (1893).
IV. LilyWeiser
(1898–1987)198
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Germanistik in Wien
Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
- Title
- Germanistik in Wien
- Subtitle
- Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
- Author
- Elisabeth Grabenweger
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Location
- Berlin
- Date
- 2016
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-045927-2
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 290
- Keywords
- German literary studies, literary text, history, first female scholars, Wiener Germanistik, Wissenschaftsgeschichte
- Category
- Lehrbücher