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ÄhnlicheVerfahrenwiebeiderPerchtaunddemPerchtentischwendet
Weiser in diesemKapitel auch auf die „allgemeine europäische Spukzeit
vonNovember bis Ende Januar“an, die „in sonderbaremGegensatz zum
christlichenFreudenfest“stehe, ferneraufdie „Einführungder langenund
so strengen Adventszeit“, die sie als „Versuch der Kirche, den einheimi-
schenAberglauben“zubändigen, interpretiert, unddazu auf das „Datum
desAllerseelenfestesund[…]desNikolausfestes“,dasihr„auschristlichem
Gutnicht erklärbar“ scheint. Aus derZusammenschau all dieser Indizien
schließt Weiser das Kapitel zwar mit dem Eingeständnis, dass „auf die
Frage, ob es auch auf südgermanischem Boden ein heidnisches Fest im
Winter gegeben habe, noch keine Antwort gegeben werden“ könne. Sie
stelltaberauchdieVermutungan,dassdie–hierskizzierten–„Tatsachen“,
die sich „aus denmit den Perchtenläufen zusammenhängenden Vorstel-
lungskreisen“ ableiten lassen, „für die Annahme eines solchen Festes, das
seinem Inhalt nach wie das alte Julfest aus Fruchtbarkeits- und Toten-
zaubernbestandenhabendürfte, inBetrachtkommen“. (Weiser1923,50)
DemUnterfangen der Studie, das dermeistenUmgehungen bedarf,
nämlich auch denWeihnachtsbaum auf germanischenUrsprung zurück-
zuführen,widmet sichWeiser imdrittenund letztenTeil ihrerArbeit.Die
vorhandenen literarischenundhistorischenQuellen,die vom17.bis zum
20.Jahrhundertreichen,bereitenimRahmendieserAufgabejedocheinige
Schwierigkeiten:Darin erscheint derWeihnachtsbaum zumeinen als re-
lativ jungerBrauch(dasersteZeugnis findetsichum1600inderBeckschen
Chronik ausdemElsass); zweitenswirdernicht alsVolkssitte, sondern als
aus städtischemGebiet kommenddargestellt (vonwoer sich erst langsam
undAnfang des 20. Jahrhunderts noch nicht überall auf demLand ver-
breitet habe); und drittens wird er nicht mit bäuerlichen, sondern aus-
schließlich mit sozial höhergestellten Kreisen (Bildungsbürgertum, Ari-
stokratie) in Verbindung gebracht. Weiser zollt dieser Sachlage zwar
Respekt,meint aber zum einen, dass damit noch nicht die Abstammung
des Weihnachtsbaums geklärt sei, da ihn die Quellen „ohne deutliche
Beziehung zu einer öffentlichenReligion, ohne deutlicheBeziehung zum
Volks- und Aberglauben“ verhandeln, dass sie also „eine[ ] gewisse[ ]
Unsicherheit“ gegenüber der Herkunft dieses Brauchs zeigen. (Weiser
1923, 51) Zum anderen ist sie der Ansicht, dass es möglich sei, den
Weihnachtsbaum trotz seiner Darstellung als junge, urbane, elitäre An-
gelegenheit auf eineVolkssitte zurückzuführen.Dafür bedürfe es nur des
Beweises,dass „unabhängigvondemstädtischenWeihnachtsbaum[…]in
dembreiten StromderVolksüberlieferungen auch sonst Ansätze vorhan-
den sind, die zu einemWeihnachtsbaum hätten führen können“.Dabei
IV.2. Volkskunde existiert nur als Germanenkunde 201
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Germanistik in Wien
Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
- Title
- Germanistik in Wien
- Subtitle
- Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
- Author
- Elisabeth Grabenweger
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Location
- Berlin
- Date
- 2016
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-045927-2
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 290
- Keywords
- German literary studies, literary text, history, first female scholars, Wiener Germanistik, Wissenschaftsgeschichte
- Category
- Lehrbücher