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selbe“ist,dieauchderBrauchdesMaibaumsbringensoll(Weiser1923,68–
69),siehtWeiserendlichalsBelegdafür,dass„eineWurzeldesChristbaumes
auf den eigentlichenMaibaumzurückgeht“ (Weiser 1923, 67).81
Trotz all der Um- und Abwege, die Weiser in diesem Kapitel be-
schreitet, bleibt der Beweis für den germanischen Ursprung des Weih-
nachtsbaumsinDeutschlandaus.Vielmehrbehilft sichWeiser inihrer,die
Dissertation abschließenden Zusammenfassung damit, ihn letztendlich,
wenn auch nicht unbedingt beabsichtigt, doch auf das Christentum zu-
rückzuführen, indem sie bemerkt, dass „[d]erWintermai in seinen ver-
schiedenen Formen […] durch christliche Anregungen […] zumWeih-
nachtsbaum inunseremSinne“wurde. (Weiser 1923, 74)
RudolfMuchgefiel dieArbeit seiner Schülerin. In seinemGutachten
vom13.Juni1922attestierteerWeiser,„[o]hneVoreingenommenheit“ans
Werk gegangen zu sein, er lobte die „überzeugende[ ] Kraft ihrer Argu-
mentation“ und ihr „kritisches Urteil“.82 Fünf Jahre später, in seinem
Vorschlag,Weiser zu habilitierten, bezeichneteMuchdieArbeit sogar als
„dasBeste,wasbi[s]herüberdiesenGegenstandgeschriebenwordenist“83.
Diese überaus positive Beurteilung Muchs verwundert nicht, enthält
WeisersArbeit doch alleBestandteile einerdeutschenVolkskunde,wie sie
Muchvorschwebte:Durch ihreVerwendungetymologischerErklärungen
und sprachgeschichtlicherAbleitungen legteWeiserdieNähe ihrer,wie es
imUntertitel heißt,Volkskundlichen Untersuchung zur Germanistik fest.
Gleichzeitiggingsiedavonaus,dassskandinavischeQuellen–obdiesenun
aus Texten oder ,gelebtemBrauchtum‘ bestanden – für den ,Germanen-
beweis‘ herangezogenwerden können,was derAnnahmederGermanen-
kundler entsprach,dass alles ,Nordische‘auch ,germanisch‘ ist.Nebender
voraussetzungslos angenommenen germanischen Kulturkontinuität war
dieVereinnahmungdernordischenTraditionnämlichdie zweiteSetzung,
ohne die eine derartige Beweisführung, bei der es – trotz Fehlens zuver-
lässigerQuellen über Jahrhunderte hinweg – umdenZugang zum ,Ur-
81 Darauf,dass es sichdabei abernichtumdieerwünschteabergläubischeErklärung
fürdieWeihnachtsbäume imdeutschsprachigenRaumhandelt, gehtWeisernicht
direkt ein.Man findet nur eine kurze, in diese Richtung weisende Bemerkung,
nämlich dass „[b]ei unseren abgeschliffenen und durch das Christentum beein-
flußten Sitten […] jener Glaube an die im Baume anwesende Gottheit ge-
schwunden“ sei.Weiser: Jul (1923), S. 69.
82 Beurteilung derDissertation der cand. phil. ElisabethWeiser vonRudolf Much
vom13. Juni 1922;UAW,Phil. Fak.,Rigorosenakt 5387ElisabethWeiser.
83 Kommissionsbericht über das Habilitationsgesuch von Dr. Lily Weiser vom
26.Mai 1927;UAW,Phil. Fak., Zl. 267 ex 1926/27, PA3686LilyWeiser.
IV. LilyWeiser
(1898–1987)204
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Germanistik in Wien
Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
- Title
- Germanistik in Wien
- Subtitle
- Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
- Author
- Elisabeth Grabenweger
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Location
- Berlin
- Date
- 2016
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-045927-2
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 290
- Keywords
- German literary studies, literary text, history, first female scholars, Wiener Germanistik, Wissenschaftsgeschichte
- Category
- Lehrbücher