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sprünglichen‘,zum,Urgermanischen‘ging,nichtmöglich.84Zuletztentzog
Weisermit ihrer akademischenArbeit die zeitgenössisch äußerst populäre
BeschäftigungmitdeutschenAlltagsbräuchendemDilettantismusdiskurs,
gegenden sichMuch immerwieder zurWehr setzte.85
AuchderZweitgutachter,derEthnologeArthurHaberlandt,beurteilte
die Arbeit äußerst positiv, er unterstrichWeisers „gründliche[ ] Beherr-
schungderLitteratur“undhobihre„stets logischeundklareVergleichung“
hervor.86 Inder vonMichaelHaberlandt, demVaterArthurHaberlandts,
herausgegebenenWienerZeitschrift fürVolkskundezeitigtedieDissertation
ebenfalls eine kurze Notiz. Darin wird aber weniger die akademische
Leistung als vielmehr die ,Alltagstauglichkeit‘ der Arbeit gelobt, wenn es
heißt,dass„[b]eidemregen,geradeheuteinDeutschlandhinsichtlich[…]
seiner alten Bräuche zeigenden Interesse“ das Buch „demGelehrten wie
demLaien […]besonders auchdannwillkommenseinwird,wennes sich
darumhandelt, beiWeihnachtsfestlichkeiten einschlägiges Stoffgebiet zu
verwerten“.87
LilyWeiser selbst setzte sichmit demThemaWeihnachten ihr ganzes
Leben lang auseinander. In ihrer Publikationsliste finden sich bis in die
1960erJahre–nebenihrerDissertation–zehnAufsätze,einLexikonartikel
und vier Rezensionen dazu.88Vor 1945 ging es ihr darin, auchwenn sie
anders als die ihr nachfolgendenMuch-Schüler ab und an Zweifel an-
meldete,89 doch zumeist um eine „germano-esoterische Psychologisie-
rung“, also um eine antichristliche „Neudeutung kultureller Erscheinun-
84 VondenGermanenkundlernwurdeauchdeshalballes ,Nordische‘als ,germanisch‘
angenommen, weil die Skandinavier auf bedeutend mehr schriftliche Quellen
zurückgreifenkonnten.Umgekehrtwardas jedochnichtunbedingtderFall.Vgl.
See:Das ,Nordische‘ inderdeutschenWissenschaftdes20. Jahrhunderts (1983);
ders.,DeutscheGermanen-Ideologie (1970).
85 Vgl. u.a.Much:Mondmythologie undWissenschaft (1941/1942).
86 GutachtenvonArthurHaberlandtüberdievoncand.phil.vorgelegteDissertation
von ElisabethWeiser vom 15. Juni.1922. UAW, Phil. Fak., Rigorosenakt 5387
ElisabethWeiser.
87 [Anonym:] LilyWeiser, Jul [Rez.] (1923), S. 96.
88 Verzeichnisse vonWeisers Publikationen finden sich beiNiem: LilyWeiser-Aall
1898–1987 (1998), S. 46–52; Kvideland: Lily Weiser-Aall 85 Jahre (1983),
S. 256–261.
89 In ihrem Beitrag zur Festschrift von John Meier meinte sie 1934, dass der
Weihnachtsbaum„wedereinWintermainocheinübelabwehrenderBaum“sei. Im
Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens von 1941 führte Weiser die weih-
nachtlichen Bräuche aber wieder auf altgermanische Zeit zurück. Weiser: Zur
Geschichte desWeihnachtsbaumes (1934), S. 8; dies.:Weihnacht (1941).
IV.2. Volkskunde existiert nur als Germanenkunde 205
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Germanistik in Wien
Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
- Title
- Germanistik in Wien
- Subtitle
- Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
- Author
- Elisabeth Grabenweger
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Location
- Berlin
- Date
- 2016
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-045927-2
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 290
- Keywords
- German literary studies, literary text, history, first female scholars, Wiener Germanistik, Wissenschaftsgeschichte
- Category
- Lehrbücher