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gen“.90DieseUmkodierung europäischer Bräuchewar, wie auch die Re-
zension in der Zeitschrift für Volkskunde nahelegt, nicht nur ein akade-
misches Interesse, sondern vor allemauch ein zeitgenössisches Bedürfnis,
das darauf abzielte, denLebensalltag im ,alldeutschenHaus‘ zu gestalten.
Nach1945änderteWeisernichtihrenForschungsschwerpunkt,nurdessen
Vorzeichen, indem sie – zumindest nach außen – die „germanischen
Wurzeln […] [ ]kappt[e]“91 und sich auf weihnachtliche Spezial- und
Einzelerscheinungenwie dasWeihnachtsstroh, dieWeihnachtsziege oder
dieWeihnachtskarten konzentrierte.
IV.3.ArchaischePotenzfeiernalsUrsprungderdeutschenKultur–
Altgermanische JünglingsweihenundMännerbünde (1927)
Anders als dasWeihnachtsthema, das LilyWeiser nicht nur in ihrerDis-
sertationbehandelte, sonderndasauchinihrenweiterenForschungenüber
Jahrzehnte hinweg immer wiederkehrte, zeugt dieWahl ihresHabilitati-
onsgebietsAltgermanische Jünglingsweihen undMännerbündenicht unbe-
dingt von einem nachhaltigem Interesse derWissenschaftlerin. Vor Er-
langungderVeniaLegendi1927beschäftigte sichWeisernichtmitdiesem
Thema, sondernmitFragenderBrauchtumspflege,derbäuerlichenSitten
undmit dem germanischen Volksglauben und übersetze volkskundliche
Arbeiten aus demSchwedischen. Aber auch nach ihrerHabilitation ver-
folgteWeiser dasMännerbundthema, obwohl dieses zusehends anAttrak-
tivität gewann, nichtmit eigenenForschungenweiter. In ihrerVeröffent-
lichungsliste, die immerhin bis 1976 reicht, finden sich dazu nur zwei
Rezensionen: 1932 zuKurtMeschkes Schwerttanz und Schwerttanzspiele
im germanischen Kulturkreis und 1934 zu Otto Höflers Kultische Ge-
heimbünde der Germanen.92 Trotzdem ist es gerade ihre Habilitations-
schrift,dievonallenVeröffentlichungenLilyWeisers fachgeschichtlicham
interessantesten erscheint und die sowohl zeitgenössisch als auch in der
Forschungsliteratur die meisten Reaktionen hervorrief.93 Doch worum
90 Wallnöfer: Spirituelles,Mythologisches, Psychologisches (2008), S. 74.
91 Niem:LilyWeiser-Aall 1898–1987 (1998), S. 15.
92 Weiser: Kurt Meschke, Schwerttanz und Schwerttanzspiele im germanischen
Kulturkreis [Rez.] (1932); dies.:OttoHöfler, KultischeGeheimbünde derGer-
manen [Rez.] (1934).
93 Vgl. u.a. die weiter unten zitierte Literatur, außerdem (in Auswahl)Much: Lily
Weiser, Altgermanische Jünglingsweihen undMännerbünde [Rez.] (1928); Peu-
ckert:Geheimkulte (1951). –Der antisemitische und faschistischeReligionswis-
IV. LilyWeiser
(1898–1987)206
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Germanistik in Wien
Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
- Title
- Germanistik in Wien
- Subtitle
- Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
- Author
- Elisabeth Grabenweger
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Location
- Berlin
- Date
- 2016
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-045927-2
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 290
- Keywords
- German literary studies, literary text, history, first female scholars, Wiener Germanistik, Wissenschaftsgeschichte
- Category
- Lehrbücher