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erlicheAngelegenheit“handelte,„diedenjungenMannzumStaatsbürger“
erhob; drittens, dass sich dieser durch seineKleidungund seinHaar von
den anderen unterschied; und viertens schließlich, dass „die jungen
Männer einen Verband stets kampfbereiter Krieger“ bildeten, wie es bei
„Völkern, die häufig Krieg führen“, eben immer der Fall gewesen sei.
(Weiser 1927, 32)
Als Beispiel behandeltWeiser zunächst die „Chattenkrieger“, die in
Kapitel 31derGermaniabeschriebenwerden:Diese lassen sichHaarund
Bartwachsenund schneiden sie erst,wenn sie einenFeindgetötet haben,
Ähnlichesgilt füreineneisernenRing,densie tragenmüssenundvondem
sie auch erst nach derTötung eines Feindes befreit werden.DieChatten
eröffnenalleKämpfe, sindunverheiratetundkämpfen,bis sie sterbenoder
alt sind.102Diese „mitgeteilten Tatsachen“ sind lautWeiser in ihrer „Be-
deutung für die germanische Jünglingsweihe noch nicht klar gewürdigt
worden“.Die„Sitte, indemverwildertenZustandzuverharren“,wieauch
dasTragendesRings deutetWeisermitKarlMüllenhoff so, dass sich die
Krieger damit „weihen, und zwar,wieman annehmenmuß, demKriegs-
oderTotengotte; bei denChattenwar esWodan“. (Weiser 1927,34–35)
WiedieseWeiheaussah,unddassessichbeimHaarewachsenlassenumden
zweitenTeil,denHauptteilder Jünglingsweihe, alsoumdieZwischenzeit,
handelt, siehtWeiserdurchParallelstellungzweierGrimm’scherMärchen,
nämlich „DesTeufels rußiger Bruder“ (Nr. 100) und „DerBärenhäuter“
(Nr.101),alsbewiesenan. InbeidenMärchengehteinarmerSoldateinen
BundmitdemTeufelein,der ihmverspricht, reichzuwerden,wennerein
paar Jahre in derHölle ausharrt und sich weder wäscht noch dieHaare
schneidet. Der Teufel, dem sich die Soldaten weihen, istWeiser zufolge
Wodan, durch denVertragmit ihm „sind alle dieseMenschen in einem
Ausnahmezustandund gehören einer anderenWelt als der gewöhnlichen
102 Der lat. Text lautet: „Et aliis Germanorum populis usurpatum, raro et privata
cuiusque audentia, apud Chattos in consensum vertit, ut primum adoleverint,
crinembarbamquesummittere,necnisihostecaesoexuerevotivumobligatumque
virtuti oris habitum. super sanguinem et spolia revelant frontem, seque tumde-
mumpretia nascendi rettulisse dignosque patria ac parentibus ferunt; ignavis et
imbellibusmanet squalor. fortissimus quisque ferreum insuper anulum (ignomi-
niosum id genti) velut vinculum gestat, donec se caede hostis absolvat. plurimis
Chattorumhic placet habitus, iamque canent insignes et hostibus simul suisque
monstrati. omnium penes hos initia pugnarum; haec prima semper acies, visu
nova;namneinpacequidemcultumitioremansuescunt.nullidomusautageraut
aliqua cura: prout adquemque venere, aluntur, prodigi alieni, contemptores sui,
donec exsanguis senectus tamdurae virtuti impares faciat.“ Schwyzer/Schweizer-
Sidler: Tacitus’Germania (1923), S. 74–75.
IV. LilyWeiser
(1898–1987)212
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Germanistik in Wien
Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
- Title
- Germanistik in Wien
- Subtitle
- Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
- Author
- Elisabeth Grabenweger
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Location
- Berlin
- Date
- 2016
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-045927-2
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 290
- Keywords
- German literary studies, literary text, history, first female scholars, Wiener Germanistik, Wissenschaftsgeschichte
- Category
- Lehrbücher