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Wesentlich für die GermanenkundeMuch’scher Prägung war nur, dass
Weiser als Erste überhauptmit diesem „völlig neue[n]Germanenbild“108
hervortrat.
MitBlick aufdas jeweilige zeitpolitischeMilieu lassen sich,wieKlaus
von See feststellte, drei verschiedene Germanenbilder in der ,deutschen‘
Wissenschaft des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts unterscheiden.
Das erstewardas vonWilhelmScherer unddemhumanistisch geprägten
Bildungsbürgertum,das einem„Fortschrittsoptimismus“huldigte, „unter
demEindruck des antikenBarbarenklischees“ entworfenwurde und den
Germanenvorallem„ungebärdige[]Urwüchsigkeit“attestierte.Daszweite
warmitderLebensreformbewegungderJahrhundertwendeengverbunden
undvonModernitäts- bzw.Zivilisationskritik sowie vonder Suche „nach
einer neuen, von Traditionen unbelasteten Unmittelbarkeit“ geprägt. Es
entwarf den „nüchtern-ehrlichen, unpathetisch-kargen, aber seelisch rei-
chen Germanen der isländischen Sagazeit“.109 Einer der Protagonisten
dieses Germanenbilds war Andreas Heusler, der den Germanen „eine
beherrschteRuhe, einegehalteneVornehmheit“, ihnenkeineAffinität zur
Religion, dafür aber „Freidenkertum“ zuschrieb.110 Das dritte Germa-
nenbild ist jenes,mit demLilyWeiser 1927andieÖffentlichkeit trat. Es
konstruiert einenmilitärisch-heldenhaftenGermanentyp, der ekstatische
Kulte pflegte undKriegergemeinschaften einging.Weiser applizierte für
diese Sichtweise ein religionsethnographischesModell auf dieGermanen,
das JakobWilhelmHauer 1923 in seinemHauptwerkDie Religion. Ihr
Werden, ihr Sinn, ihreWahrheit entworfen hatte. IndiesemBuch erklärte
Hauer das ekstatische Erlebnis zum Ursprung aller Religion und Reli-
giosität und schrieb denMännerbünden und Jünglingsweihen eine be-
sondere Rolle zu. Neben der Übertragung auf das Germanentum fügte
Weiser diesemModell außerdemnoch dieBeziehung zu den von ihr an-
genommenenmilitärischenKern- bzw.Elitetruppenhinzu,was „der ger-
hinter ihren eigenenErgebnissen stand: „[N]icht alles ist geklärt. L.W.wird das
selbstamwenigstenglauben.“Trier:LilyWeiser,AltgermanischeJünglingsweihen
undMännerbünde [Rez.] (1929), S. 4.
108 See:Das ,Nordische‘ inderdeutschenWissenschaftdes20. Jahrhunderts (1983),
S. 30.
109 Alle Zitate: See: Das ,Nordische‘ in der deutschenWissenschaft des 20. Jahr-
hunderts (1983), S. 37.
110 Heusler:Germanentum (1934), S. 13undS. 104.
IV.3. Archaische Potenzfeiern als Ursprung der deutschenKultur 215
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Germanistik in Wien
Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
- Title
- Germanistik in Wien
- Subtitle
- Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
- Author
- Elisabeth Grabenweger
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Location
- Berlin
- Date
- 2016
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-045927-2
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 290
- Keywords
- German literary studies, literary text, history, first female scholars, Wiener Germanistik, Wissenschaftsgeschichte
- Category
- Lehrbücher