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eigenen akademischen Volkskunde nicht von Beginn an vorgezeichnet.
Neben der germanistischen Altertumskunde derMuch-Schule gab es in
Wien noch zwei weitere Richtungen, die seit der Jahrhundertwende und
verstärkt abden1920er JahrenumdieVolkskundekonkurrierten:dieder
,Mythologen‘, die aus Religionswissenschaft, Wagner-Kult und verglei-
chenderMythenforschung imUmkreisLeopoldvonSchroeders,der1899
alsordentlicherProfessor fürAltindischePhilologieundAltertumskundevon
Innsbruck nachWien berufen worden war, entstand; und die der Eth-
nographie,derenersterVertreterMichaelHaberlandtwar,dersich1892in
Wien für Ethnographie habilitiert hatte. Alle drei Richtungen wiesen
„personell wie ideologisch vielfach Berührungspunkte“115 auf, die sich
sowohlinihrenBeziehungenzurAnthropologischenGesellschaft, zumVerein
für Volkskunde, zur Jugendbewegung und zumNationalsozialismus zeig-
ten;waren aber, wenn es umdieVertretung derVolkskunde anderUni-
versitätWien ging, erbitterteGegner.116DenKampf umdieVolkskunde
entschied, wie sich zeigen wird, trotz fachlicher und wissenschaftlicher
Auseinandersetzungen imEndeffekt doch die Beherrschung der höheren
akademischenKabinettskunst.
DieWiener ,Mythologen‘ standen der Much-Schule inhaltlich und
ideologisch sehr nahe, sie beschäftigten sichmit dem ,nordischenMen-
schen‘, mit der indogermanischen und altgermanischen Frühzeit und
warenaufderSuchenachder„aine[n]deutsche[n]Kultur“ inderAbsicht,
„ain deutsches Volk werden [zu] wollen“.117Während jedoch unter den
Much-Anhängern die Auffassung vertreten wurde, dass „mythologische
Erzählungen […]nur sekundäreSpiegelungenvonaltertümlichenKulten
geheimnisvoller Bünde“ seien, also „der ekstatischeKult immer die Prio-
rität vor dermythischen Sage“ hatte, hingman unter den ,Mythologen‘
„der umgekehrtenÜberzeugung“an, dass „alles Brauchtum“nur ein „se-
kundäre[s] Abbild vorher ausgebildeterMythen“ sei.118Dass „keine der
beidenHypothesen historisch-empirisch zu beweisen war, vor allem die
[…] Existenz geheimer kultischer Männerbünde in der germanischen
Frühzeit nie glaubhaft gemachtwerden konnte“119, störte den Streit zwi-
115 Bockhorn:VonRitualen,MythenundLebenskreisen (1994), S. 477.
116 Zur Frühzeit der Volkskunde an der UniversitätWien vomEnde des 19. Jahr-
hunderts bis 1938 vgl. ausführlich Bockhorn: Von Ritualen, Mythen und Le-
benskreisen (1994), S. 477–526; ders.: „VolkskundlicheQuellströme“ inWien
(1994).
117 Hüsing:Die deutschenHochgezeiten (1927), S.XII.
118 Emmerich:ZurKritik derVolkstumsideologie (1971), S. 153.
119 Emmerich:ZurKritik derVolkstumsideologie (1971), S. 153–154.
IV.4. Konkurrenzen undNetzwerke 217
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Germanistik in Wien
Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
- Title
- Germanistik in Wien
- Subtitle
- Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
- Author
- Elisabeth Grabenweger
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Location
- Berlin
- Date
- 2016
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-045927-2
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 290
- Keywords
- German literary studies, literary text, history, first female scholars, Wiener Germanistik, Wissenschaftsgeschichte
- Category
- Lehrbücher