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schendenbeidenRichtungennicht, imGegenteil.Amdeutlichsten lassen
sichNähe undDistanz der konkurrierendenUnternehmungen an einem
Buch zeigen, das der Schroeder-SchülerGeorgHüsing – seines Zeichens
„Begründer[ ] derWienerMythologenschule imengerenSinn“120–1927
veröffentlichte.Eshandelt sichdabei umHüsings, fürdie volkskundliche
AnhängerschaftwichtigeAufsatzsammlungDiedeutschenHochgezeitenvon
1927.Darin vertrat er,wieLilyWeiser in ihrerDissertation, dieAnsicht,
dass der „Sinn“ der deutschen Feste wieWeihnachten, Perchtenlauf etc.
durch„falscheAusdeutungenderrömischenKirche“verlorengegangensei
und„nunneuerschlossenwerden“müsse.DieseFestewaren selbstredend
ausder germanischenVorzeit zu erklären, darinwarman sichnoch einig.
Aber, soHüsing, „[a]uf das entschiedenstemüssen wir uns dagegen ver-
wahren, daß die deutschenHochgezeiten aus dem Bauernleben hervor-
gegangen wären“, vielmehr entstanden sie aus einem – nicht näher be-
stimmten – „arischenMythos“.121Eine direkte Reaktion Rudolf Muchs
darauf findet sich in einem nachgelassenen, posthum veröffentlichten
Aufsatz, in dem er fragte, „womit unsere Feste […] zusammenhängen
sollen,wennnichtmitdemBauernleben[…].Wir stoßendabei jaüberall
auf alteVegetationsriten […].“122Weisers (und selbstverständlichMuchs)
Auffassung, dass deutsches Brauchtumund deutsche Feste auf altgerma-
nischeTotenkulte undVegetationsriten zurückzuführen seien, standHü-
singsAnsicht gegenüber, dass derMythosderUrsprung allesBrauchtums
sei.123
120 Schmidt:Geschichte der österreichischenVolkskunde (1951), S. 134.
121 Hüsing:Die deutschenHochgezeiten (1927), S. 124.
122 Much:Mondmythologie undWissenschaft (1942), S. 243.
123 Diese Auseinandersetzung zwischen den ,Mythologen‘ und der Much-Schule
findet seine ideologische Grundlage in den Schriften des Bonner Germanisten
HansNaumann,dermitPrimitiveGemeinschaftskultur (1921)undGrundzügeder
deutschenVolkskunde (1922) die in der zeitgenössischenVolkskunde populärsten
und einflussreichsten Bücher zur Konstruktion eines ,deutsch-germanischen
Volkstums‘veröffentlichte.DarinunterscheidetNaumannzwischen ,gesunkenem
Kulturgut‘und ,gehobenemPrimitivgut‘, umeine klareGrenze zwischen ,geistig
aktiver, historisch bewusster und formbildenderOberschicht‘ und ,nicht indivi-
dualisierter, historisch unbewusster, reflexionsloser Unterschicht‘ zu ziehen. Die
Much-Leute hieltenNaumann entgegen, dass „das Bild der primitivenGemein-
schaft indieser extremenZeichnungkeineswegs richtig“sei,dass es sichdabeium
die „städtisch-hochmütigeBetrachtungsweise der ,Geistigen‘“ handle unddass es
sehrwohl „Volksgut“ gebe, das „direkt aus der primitivenGemeinschaft stamme
[]“.Wolfram:GesunkenesKulturgutundgehobenesPrimitivgut(1932),S.187–
188. IV. LilyWeiser
(1898–1987)218
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Germanistik in Wien
Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
- Title
- Germanistik in Wien
- Subtitle
- Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
- Author
- Elisabeth Grabenweger
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Location
- Berlin
- Date
- 2016
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-045927-2
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 290
- Keywords
- German literary studies, literary text, history, first female scholars, Wiener Germanistik, Wissenschaftsgeschichte
- Category
- Lehrbücher