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für Volkskunde für ArthurHaberlandt.138Während die Auseinanderset-
zungen um die Bezeichnung der Venia Legendi von ArthurHaberlandt
zwarnichtunbedingt in seinemSinneverliefen,aberdochrelativ raschein
Ergebnis zeitigten, so führte dieser erneute Versuch, die universitäre
Volkskunde inRichtungEthnographie zu ziehen, zu ungewöhnlich lang-
wierigen Verhandlungen und schließlich zur wissenschaftlichenDenun-
zierung Arthur Haberlandts, was sich bereits in der ersten Sitzung der
Kommission am 26. Februar 1923 ankündigte: Das einzige Kommissi-
onsmitglied, das für Haberlandt eintrat, war der Klassische Philologe
Ludwig Radermacher, der es wichtig fand, dass „Volkskunde an d.Uni-
versität gelesenwerde, wie inDeutschlandVk. gelesenwird“. Er äußerte
„keine Bedenken gegen Lehrauftrag“, da er der Meinung war, dass das
Professorenkollegium sonst „keinen Ersatz“ gefunden hätte.Die anderen
Professoren bescheinigtenHaberlandts Arbeiten aber „große[ ] Flüchtig-
keit“und attestierten ihnen, dass sie in ihrer „historische[n] Zusammen-
stellungnichtgenügend“ seien. Amvehementesten gegenHaberlandt tra-
ten Rudolf Much und sein Gesinnungsgenosse bei der Deutschen
Gemeinschaft, der Prähistoriker OswaldMenghin, auf: Much hielt Ha-
berlandts Veröffentlichungen nicht nur für „nicht reif genug“, sondern
bezeichnetesiesogarals„ärgerniserregend“,vorallembeanstandeteer,dass
Haberlandt „keine histor. und sprachw. Bildung [hatte], die genügte“ –
und die in Muchs Verständnis nur ein Germanist aufbringen konnte.
Menghinschlug indieselbeBresche:„IndeutscherVolkskundefehlen ihm
dieVoraussetzungen […].“DieVerhandlungwurde daraufhin auf unbe-
stimmteZeit vertagt.139
Bis zur nächsten Zusammenkunft verging fast ein ganzes Jahr. Am
22. Jänner 1924 beschloss die Kommission, dass ArthurHaberlandt der
Titel eines außerordentlichenProfessors verliehenwerden sollte, über die
Verleihung eines Lehrauftrags wurde aber nicht verhandelt, mit der Be-
gründung, dass „beiAbwesenheit v.Much“ keineEntscheidung getroffen
werden könne.140Much schien sich seiner Sache sicher gewesen zu sein,
dennerhatte sich erst amselbenTag fürdieSitzungmit einemSchreiben
entschuldigt, indemeranmerkte,dass erwegendieser „Zwischenfälle“für
138 Antrag andasDekanat der philosophische Fakultät für dieVerleihung desTitels
einesExtraordinariusanArthurHaberlandtvom13.Dezember1922;UAW,Phil.
Fak., Zl. 378 ex 1922/23, PA1843ArthurHaberlandt.
139 AlleZitate:ProtokollderKommissionssitzungvom26.Februar1923;UAW,Phil.
Fak., Zl. 378 ex 1922/23, PA1843ArthurHaberlandt.
140 ProtokollderKommissionssitzungvom22.Jänner1924;UAW,Phil.Fak.,Zl.378
ex 1922/23, PA1843ArthurHaberlandt.
IV.4. Konkurrenzen undNetzwerke 223
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Germanistik in Wien
Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
- Title
- Germanistik in Wien
- Subtitle
- Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
- Author
- Elisabeth Grabenweger
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Location
- Berlin
- Date
- 2016
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-045927-2
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 290
- Keywords
- German literary studies, literary text, history, first female scholars, Wiener Germanistik, Wissenschaftsgeschichte
- Category
- Lehrbücher