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DeutscheMundartenforschung und Volkskunde zu beantragen.149Und tat-
sächlich bewilligte dasMinisteriumbereitsmit Entscheid vom11.März
1926 den Antrag der philosophischen Fakultät – von der angespannten
staatlichenFinanzlagewar nichtmehr dieRede.150AntonPfalz, derDia-
lektforscher, war damit der erste offiziell vomMinisterium eingesetzte
Lehrende derVolkskunde anderUniversitätWien.
Die öffentliche Aufregung über diese wissenschaftlich nicht be-
gründbare Entscheidung ließ nicht lange auf sich warten. Michael Ha-
berlandt reagierte bereits in der darauffolgenden Ausgabe der Wiener
Zeitschrift fürVolkskundemit einer heftigenKritik:
Esmußdazununallerdingszunächst festgestelltwerden,daßProf.Dr.Anton
Pfalz im eigentlichen Arbeitsbereich der wissenschaftlichen Volkskunde
überhaupt und so auch der deutschen Volkskunde […] bisher mit keiner
Leistunghervorgetreten ist.Undwarbisherdavonöffentlich abzusehen, daß
der genannte Vertreter der Wiener Germanistik in einer ganz auffälligen
Oratio pro domo (im Rahmen eines am 24. Februar d. J. im Verein der
Germanisten an derUniversitätWien gehaltenenVortrages) [–] nicht ohne
persönlich verletzende Bemerkungen – das wissenschaftliche Zusammenar-
beitenmitdemKreise umdasWienerMuseumfürVolkskunde abgetanhat,
sofern er sich zu der Behauptung verstieg, nur derGermanist könne inwis-
senschaftlichemSinneVolkskundebetreiben, somußnundochallenErnstes
die Frage erhobenwerden, obLaut- undWortforschung auf demGebiet der
österreichischenMundarten, wie sie dieser Forscher vertritt, als ein „Haupt-
gebiet derVolkskunde“angesehenwerdenkann.151
Haberlandtbestrittweiters, dass sich „dasArbeitsgebiet der germanischen
Philologie auch nur entferntmit demArbeitsgebiet selbst der deutschen
Volkskunde, geschweige der Volkskunde überhaupt“ decke, und zielte
damit auf dem Umweg über Pfalz auf Much, der in den einzelnen
Kommissionssitzungen immer die Ansicht vertreten hatte, dass nur ein
philologisch geschulter Wissenschaftler auch Volkskundler sein könne.
Haberlandt machte sich in seinem Artikel für die Selbständigkeit der
VolkskundealsDisziplinstarkunderklärte,dassdiese„aufdemGebietder
materiellenKultur […]vollkommenaufeigenenFüßensteh[e]“,wodurch
sie „in Oesterreich zu jener umfassenden und methodisch fundierten
149 Protokoll der Kommissionssitzung betreffend die Verleihung des Titels eines
Extraordinarius und Lehrauftrages an den PrivatdozentenDr. Anton Pfalz vom
27.November1925,UAW,Phil.Fak.,Zl.242ex1925/26,PA2872AntonPfalz
150 BriefdesMinisteriumsfürUnterrichtandasDekanatderphilosophischenFakultät
vom26.März1926;UAW,Phil.Fak.,Zl.242ex1925/26,PA2872AntonPfalz.
151 MichaelHaberlandt: Zur Stellung derVolkskunde im akademischenUnterricht
(1926), S. 75. IV. LilyWeiser
(1898–1987)226
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Germanistik in Wien
Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
- Title
- Germanistik in Wien
- Subtitle
- Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
- Author
- Elisabeth Grabenweger
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Location
- Berlin
- Date
- 2016
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-045927-2
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 290
- Keywords
- German literary studies, literary text, history, first female scholars, Wiener Germanistik, Wissenschaftsgeschichte
- Category
- Lehrbücher