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Vor 1918
Glaubenskämpfe - Katholiken und Gewalt im 19. Jahrhundert
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167Kollektive Gewalt und die religiöse Politisierung von Bauern Galizisches Schlachten oder »Rabatz«? Bäuerliche Gewaltexzesse im Winter 1846 Im Jahr 1846 wurde abermals in der Emigration ein Aufstand vorbereitet. Diesmal allerdings misslang die Mobilisierung der Bauern für die polnische Sache vollständig. Wie die übrigen Revolten und Revolutionen der Jahre 1846–1849 in Europa zeigen sollten, waren die Monarchien aufgrund fehlen­ der Ordnungskräfte nicht in der Lage, ihre staatliche Kontrolle bei sozialen Unruhen auf dem Land durchzusetzen12. Daher ermunterten österreichische Beamte in Galizien kaisertreue Bauern, diesen erneuten nationalen Aufstand zu unterbinden, seine Unterstützer festzusetzen und ihre Waffen sicherzu­ stellen. Da sich die Position der Bauern seit den josephinischen Reformen etwas verbessert hatte und sie mit einer polnischen Herrschaft eine Ver­ schlechterung ihrer rechtlichen und ökonomischen Lage in den Zustand vor den Teilungen befürchteten, kamen sie dem Aufruf zur Unterdrückung des Aufstands vielerorts nach13. Für geleistete Fuhrdienste sichergestellter Waf­ fen und festgenommener Aufständischer zahlte beispielsweise der Bezirks­ hauptmann aus Tarnów Joseph Breinl eine Entschädigung. Diese wurde von Bauern als eine Kopfprämie umgedeutet und motivierte unzählige Bauern, Jagd auf Adlige zu machen. Zusätzlich ermächtigten sich Bauern durch das Weitererzählen von Gerüchten, wonach der Kaiser »seinen« Bauern in amt­ lichen Zirkularen es erlaubt habe, drei Tage lang Gutshöfe zu plündern und Adlige zu ermorden14. Schnell entwickelten die Interventionen der Bauern zur Unterbindung des Aufstands eine Eigendynamik und es kam zu einer gigantischen bäuerlichen Selbstermächtigung. Persönliche Abrechnungen mit verhassten Verwaltern und Gutsherren, das Aneignen von fremdem Besitz und der Konsum von erbeutetem Alkohol verbanden sich mit der Zerstörung von Zeichen und Symbolen ihrer pat­ riarchalischen Abhängigkeit. »Rabatz« war die verharmlosende bäuerliche Bezeichnung eines sich über Gerüchte und die Berichte Flüchtender ausbrei­ tenden Gewaltrausches mitten in der Fastenzeit, einem blutigen Karneval, in dem etablierte lokale Hierarchien und Ordnungen auf den Kopf gestellt wurden15. Zwischen 1 200 und 2 000 Menschen wurden ermordet, häufig auf brutale Weise geradezu abgeschlachtet. Die Autorität von Kaiser und Papst hingegen wurde von vielen Rädelsführern explizit bestätigt und als Legiti­ 12 Siehe auch Hartmut Pogge von Strandmann / Robert John Weston Evans, The Revolutions in Europe, 1848–1849. From Reform to Reaction, Oxford 2000. 13 Siehe auch Roman Rozdolski, Untertan und Staat in Galizien. Die Reformen unter Maria Theresia und Joseph  II., Mainz 1992. 14 Vgl. Buchen, Antisemitismus in Galizien, S.  28. 15 »Rabacja« war die polnische Ableitung vom deutschen Begriff »Rabatz«. Vgl. Andrzej Chwalba, Historia Polski, 1795–1918, Krakau 2007, S.  302.
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Glaubenskämpfe Katholiken und Gewalt im 19. Jahrhundert
Title
Glaubenskämpfe
Subtitle
Katholiken und Gewalt im 19. Jahrhundert
Editor
Eveline Bouwers
Publisher
Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co
Date
2019
Language
German
License
CC BY-NC-ND 4.0
ISBN
978-3-666-10158-8
Size
15.9 x 23.7 cm
Pages
362
Keywords
19. Jahrhundert, katholische Kirche, Gewalt, Legitimation, Glaube, Katholizismus, historische Entwicklung, Säkularisierung, Pluralismus, historische Analyse, Geschichtsschreibung, strukturelle Gewalt, Diskurs
Categories
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