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404 X. Schlussbetrachtung
Elisabeth Greif • Verkehrte
Leidenschaft¶
folgungsbehörden wie auch jenes der Beschuldigten regulierten. Die
konkrete Ausgestaltung der jeweiligen Sprechsituationen gibt auch
Aufschluss darĂĽber, wie auĂźerjuristisches Wissen in den Strafprozess
einflieĂźen konnte und welche Wirkung es dort entfaltete. Die Unter-
suchung der einzelnen Sprechsituationen im Rahmen von Unzuchts-
verfahren macht außerdem deutlich, welche Diskrepanzen während
des Untersuchungszeitraums hinsichtlich der Anerkennung weibli-
cher sexueller Autonomie bestanden. Das Strafrecht sah Frauen beim
Delikt der gleichgeschlechtlichen Unzucht prinzipiell als mögliche Tä-
terinnen an. Die Sexualwissenschaft erachtete Frauen untereinander
zwar zu geschlechtlichen Handlungen für fähig, die bis zu einem » Ae-
quivalent des Coitus « 1798 reichen sollten, allerdings führte man deren
Auftreten weniger auf eine innere Veranlagung als vielmehr auf eine
Enttäuschung durch männliche Sexualität und auf charakterliche Ver-
dorbenheit zurĂĽck. Der diagnostische Blick richtete sich deshalb nur
selten auf weibliche » unzüchtig Handelnde « – wo er es tat, traf er meist
Frauen, die die gesellschaftlichen Geschlechtergrenzen bereits zuvor
ĂĽberschritten hatten. Vor diesem Hintergrund entspann sich die juris-
tische Praxis, in der verschiedene, mitunter widersprĂĽchliche Wissens-
bestände zusammenliefen. Sie orientierte sich weitgehend an konven-
tionellen Verständnissen von Geschlecht, von sexueller Aktivität und
Passivität, nahm Unzucht zwischen Frauen kaum wahr und stieß wenn,
dann meist dort auf sie, wo von vorneherein mit weiblicher Devianz und
Transgression zu rechnen war. Weibliche und männliche » unzüchtig
Handelnde « fanden damit als soziale Akteurinnen und Akteure unter-
schiedliche diskursive Rahmenbedingungen vor. Diese beeinflussten
ihre Möglichkeiten, als strafrechtliche Subjekte in einem konkreten
Strafverfahren zu sprechen und vorhandenes Wissen über » unzüchtige
Handlungen « in Aushandlungs- und Verhandlungsprozessen zu nut-
zen. Die unterschiedlichen Gegebenheiten, mit denen Akteurinnen und
Akteure aufgrund von hegemonialen Geschlechterverständnissen kon-
frontiert waren, wirkten aber ihrerseits auch auf den juristischen und
den sexualwissenschaftlichen Diskurs zurĂĽck und bestimmten die Art
und Weise, wie über weibliche und männliche » unzüchtig Handelnde «
gedacht und gesprochen wurde.
1798 Krafft-Ebing Richard von in Wissenschaftlich-humanitäres Comtée ( hg ), Jahrbuch 23.
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Verkehrte Leidenschaft
Gleichgeschlechtliche Unzucht im Kontext von Strafrecht und Medizin
Aus- und Verhandlungsprozesse vor dem Landesgericht Linz 1918 – 1938
- Title
- Verkehrte Leidenschaft
- Subtitle
- Gleichgeschlechtliche Unzucht im Kontext von Strafrecht und Medizin
- Author
- Elisabeth Greif
- Publisher
- Jan Sramek Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7097-0205-5
- Size
- 15.0 x 23.0 cm
- Pages
- 478
- Category
- Recht und Politik