Page - 179 - in Handwörterbuch der Philosophie
Image of the Page - 179 -
Text of the Page - 179 -
Entwicklung.
Entwicklung, welche allein auch zeitlich aufzufassen ist. „Die Entwick-
lung des Geistes ist Herausgehen, Sichauseinanderlegen und zugleich Zu-sich-
(Phil. d. Geschichte, Univ.-BibL, S. 96 f.). Die Natur hingegen ist
ein „System von Stufen", „deren eine aus der andern notwendig hervor-
geht . . .; aber nicht so, daß die eine aus der andern natürlich erzeugt
würde, sondern in der innern, den Grund der Natur ausmachenden Idee. Die
Metamorphose kommt nur dem Begriff als solchem zu, da dessen Ver-
änderung allein Entwicklung ist" (Naturphilos. S. 32 f.). Eine zeitliche E.
von Arten auseinander bestreitet auch SCHOPENHAUER.
Die neuere Evolutionstheorie, im Gegensatz zur Konstanztheorie
CUVIER) setzt mit den Arbeiten GEOFFROY DE der die E. aus
den Einflüssen der Umwelt ambiant") erklärt, und LAMARCKS ein.
Die E. der höheren Arten aus niederen ist bedingt durch das Milieu und
Kreuzung, besonders aber durch den Gebrauch und Nichtgebrauch der
durch die Übung (Gewohnheit), welche durch Bedürfnisse veranlaßt wird
die erbliche Vervollkommnung der Organe zur Folge hat (Philos.
1809, deutsch 1903, S. 28 ff., 112 ff.). Gegenüber der
CUVIERS lehrt dann CH. LYELL (Principles of Geology) die stetige E.
Erde. Endlich begründet CHARLES DARWIN (1859) die Deszendenztheorie als
Selektionstheorie (gestützt auf das Bevölkerungsgesetz von Malthus, 1798).
E. erfolgt ohne Zweckursachen, auf rein kausalem Wege, als notwendiges Pro-
dukt, in der Regel durch Anhäufung kleiner Variationen der Lebewesen, die
sich vererben. Die Vermehrung der Lebewesen über das Maß der erreichbaren
Lebensmittel hinaus führt zu einem „Kampf ums Dasein" (struggle for
zu einem (direkten und indirekten) Wettbewerb um die Existenzbedingungen,
in welchem durch die „natürliche Auslese" (natural selection) die begünstigten
Individuen und Rassen erhalten bleiben, überleben, während die der Umwelt
nicht angepaßten untergehen; auch eine sexuelle Auslese findet statt (s. Selek-
tion). Es wirken aber neben der Selektion auch das Milieu direkt sowie die
„korrelative Veränderung" der Organe, der Gebrauch und Nichtgebrauch der-
selben, die „Migration" (Wanderung). Indem die (spontan auftretenden) Va-
riationen immer wieder neu ausgelesen und vererbt werden, gehen in langen
Zeiträumen aus Varietäten neue Arten daneben gibt es aber auch
Stillstand und Rückbildungen. Alle höheren Tierformen stammen von vier bis
fünf Urformen der Mensch hat sich aus affenartigen Vorfahren entwickelt.
Die E. beherrscht auch das seelische und sittliche Leben (On the origin of
species by of natural selection, 1859; deutsch in der Univ.-BibL; The
Descent of Man, 1871; Werke, deutsch von Carus, 1899).
Zur Basis seiner ganzen Philosophie macht die E. H. SPENCER, nach
welchem das „Überleben des Passendsten" (survivance of the eine, aber
nicht die einzige Ursache der organischen E. ist, die besonders durch das
sowie durch funktionelle Übung bedingt ist. „Evolution" und „Disso-
lution" sind die Form alles Geschehens. Alle E. ist Übergang von einem auf-
gelösten, homogenen in einen konzentrierten, heterogenen, von einem unbe-
stimmteren zu einem bestimmteren Zustand, Abwechslung von „Integration" (An-
sammlung) von Materie plus „Dissipation" (Ausbreitung) der Bewegung und
„Absorption" der Bewegung plus „Disintegration" der Materie. Differenzierung
und Integrierung sind Phasen des kosmischen, organischen, psychischen,
sozialen Geschehens. Der Rhythmus von E. und Auflösung ist ein allgemeiner,
12*
back to the
book Handwörterbuch der Philosophie"
Handwörterbuch der Philosophie
- Title
- Handwörterbuch der Philosophie
- Author
- Rudolf Eisler
- Publisher
- ERNST SIEGFRIED MITTLER UND SOHN
- Location
- Berlin
- Date
- 1913
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 3.0
- Size
- 12.7 x 21.4 cm
- Pages
- 807
- Keywords
- Philosophie, Geisteswissenschaften, Objektivismus
- Category
- Geisteswissenschaften