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stieren (vgl. aber Aristoteles, Metaphys. XI, 3). Wie der höhere, allgemeine
Begriff dem niederen übergeordnet ist, so besteht auch im Reiche der Ideen
eine Über- und Unterordnung: die höchste Idee ist die Idee des Guten (s. d.),
die „Sonne im Reiche der Ideen", das Urbild des Seienden, des Wahren und
des Schönen, der Urgrund von allem, der eins ist mit der göttlichen Vernunft.
Daß Ideen anzunehmen und daß sie objektiv sind, deduziert Platon aus der
These: nur das Seiende ist erkennbar, das Nichtseiende nicht; dem begrifflich
Erkannten, dem Begriffsinhalt muß also Objektivität zukommen (Republ. V,
478 Aristoteles, Metaphys. I, 6). In einer späteren Periode bestimmt Platon
pythagoreisierend, die Ideen als „Zahlen" (Aristoteles, Metaphys. I, 6; XIV, 1;
vgl. Phaedo 100 D Symposion 211 B, 247 f.; Parmenides 130 ff.; Republ.
C, 507 B, A; Phaedrus 247 51 ff.; Theaetet, Philebus).
Vgl. AUFFAHRT, Die platon. Ideenlehre, 1883; NATORP, Ideenlehre,
1903 (N. faßt die Ideen als apriorische „Grundlegungen" der Erkenntnis, als
Formen der „hypothesis" auf); N. HARTMANN, Logik des Seins, 1909;
S. MARCK, Die platon. Ideenlehre. 1912; J. A. STEWART, Doctrine of
L. ROBIN, La theorie platonicienne des et des nombres
Aristote, 1908; Grundriß der Geschichte der
Philos. 1909. — Die Ideenlehre bekämpft ARISTOTELES; die Platonischen
Ideen sind nach ihm nur zwecklose Verdoppelungen der Dinge; es gibt ewige
„Formen" (s. d.), aber nicht gesondert von den Einzeldingen, denen vielmehr
das Allgemeine (s. d.) immanent ist (Metaphys. I, 9; VII, 13;
Analyt. poster. I, 11). Während den Stoikern die Ideen als bloß subjektive
Begriffe gelten werden sie bei PHILON ZU
geistigen Kräften, durch welche Gott die Materie gestaltet (De II, 126),
bei PLOTIN ZU Bestandteilen, Inhalten des aus dem göttlichen „Einen" hervor-
gehenden „Geistes" (vovg), die als geistige Kräfte in den Dingen wirken
(Ennead. III, 9; IV, 8, V, 9, 8 ff.; vgl. Falter, Die Idee bei Philo und
Plotin, 1908).
Im Mittelalter gelten die Ideen meist als die im göttlichen Geiste wesen-
haft und zeitlos bestehenden Urbilder der Dinge, nach welchen Gott alles ge-
staltet hat. So sind die Ideen nach AUGUSTINUS die Urformen der Dinge
(„ideae principales formae quaedam vel rationes stabiles atque incommu-
. . . quae in divina continentur", De divin. qu. 46). Nach
THOMAS sind sie Musterbilder, Gründe der Dinge („formae exemplares",
„rationes rerum", Sum. theol. I, 14; I, 44, 3 c). — Nach WILHELM VON
OCCAM sind die Ideen nicht etwas Reales, Selbständiges („subiective et realiter")
in Gott, sondern nur Inhalte des göttlichen Intellekts sunt in ipso
obiective, tanquam quaedam cognita ab ipso"), und zwar gibt es nur Ideen von
Einzeldingen.
Ideen als Urbilder der Dinge nehmen ferner ECKHART, NICOLAUS CUSA-
PATRITIUS, PICO, FICINUS, AGRIPPA, MARCUS HIRNHAIM,
R. CUDWORTH u. a. Nach MALEBRANCHE sind die Ideen der Dinge in Gott,
dem Unendlichen enthalten und wir erkennen die Dinge mittelst der Ideen,
deren Gegenstand die Ausdehnung des Unendlichen ist („obiectum
idearum est extensio xov infiniti, immutabilis et incommensura-
ex cuius intuitu formamus quidquid adspicimus, sive intra sive extra nos";
vgl. Recherche de la II, 1). Auch nach BERKELEY sind die Ideen der
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Handwörterbuch der Philosophie
- Title
- Handwörterbuch der Philosophie
- Author
- Rudolf Eisler
- Publisher
- ERNST SIEGFRIED MITTLER UND SOHN
- Location
- Berlin
- Date
- 1913
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 3.0
- Size
- 12.7 x 21.4 cm
- Pages
- 807
- Keywords
- Philosophie, Geisteswissenschaften, Objektivismus
- Category
- Geisteswissenschaften