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© 2020, V&R unipress GmbH, Göttingen
ISBN Print: 9783847110606 – ISBN E-Lib: 9783737010603
kerungen der einzelnenpolitischen Ländereinheiten der compositemonarchy8
und vor allem ihre ständischen Repräsentationen zu verstehen,mit einer ge-
wissen, aber nicht primären Bedeutung der ethnisch-kulturellen Merkmale,
welche allerdingsmehr territorial und politisch denn ethnisch-kulturell kon-
notiertwurden.Wirddagegenunreflektiert dieKontinuität desVielvölkercha-
rakters vorausgesetzt, gehtmandieTeleologie-Gefahr ein, das neue, ethnisch-
kulturelleund liberaleVerständnisvonVolk indie frühneuzeitlicheGeschichte
zuprojizieren:DemVerständnisderHabsburgermonarchie alsVielvölkerstaat
des19. Jahrhunderts lagundliegtVolkalspolitischerSouveränoderzumindest
politischeÖffentlichkeiteinerseitsundethnisch-kulturelleGruppeimSinneder
modernenNationsbildung inMitteleuropaandererseits zugrunde.
(2.)DieBalance unddas Spannungsverhältnis zwischenExpansionund in-
nerer Stabilität scheinen einer der wichtigsten Antriebe der Entwicklung von
Imperiengewesen zu sein.Nicht nur stellt sichhierdasbekannteProblemder
weiterenExpansionbei derWahrungdes innerenZusammenhalts undder Si-
cherungder früherenGewinne.Noch schwerwiegender erscheinendieProble-
matik der Elitenkohärenz innerhalb des Imperiums und die Frage, inwieweit
eine imperialePositionundgegebenenfalls imperialeExpansiondie Interessen
vonElitengruppenbefriedigtunddieseindasimperialeAgiereneinbindet.Dass
dies nicht der Fall seinmussund sichdaraus schwerwiegendeKrisenvon Im-
perienergebenkönnen,lässtsichanfastbeliebigvielenBeispielenbelegen,seies
imaltenRom, inder frühneuzeitlichenRzeczpospolita, imOsmanischenReich
oder ebenso imDeutschen Reich der Jahrhundertwende und demRussländi-
schenImperiumderGegenwart.DabeimusseineExpansionnichtzwingendim
InteressevonimperialenElitenstehen,wennsieihnenmehrKostenundRisiken
alsGewinnezuversprechenscheint.Erinnernwirdaran,dass imPolen-Litauen
desspäten17.unddes18. JahrhundertssichdieadligeRepräsentationvehement
gegen die Expansionspläne ihrer Könige stellte, auch wenn diese in ihren
Wahlkapitulationen die Rückeroberung der verlorenen Länder versprechen
mussten.
DasHabsburgerreich in der erstenHälfte des 19. Jahrhunderts erscheint in
dieserHinsichtbesonders relevant,weil esmitdemWienerKongress,nachder
Verstärkungdes territorialenZusammenhaltsundSicherungderDominanz in
Deutschland und in Italien, auf Expansion verzichtete, ohne sich auf eine de-
fensivePositionzurückzuziehen.NachderMittedes Jahrhundertsmussten je-
doch die Erschütterungen seiner imperial-hegemonialen Stellung mit politi-
8 HelmutG.Koenigsberger,MonarchiesandParliaments inEarlyModernEurope.Dominium
RegaleorDominiumPoliticumetRegale, in:ders. (Hg.), PoliticiansandVirtuosi. Essays in
EarlyModernHistory(StudiespresentedtotheInternationalCommissionfor theHistoryof
Representative andParliamentary Institutions, 69), London1986, S. 1–25; JohnH.Elliot, A
EuropeofCompositeMonarchies, in:Past andPresent137 (1992), S. 48–71. Milosˇ
Rˇezník50
Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Title
- Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
- Subtitle
- Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Authors
- Wolfram Dornik
- Bernhard Bachinger
- Stephan Lehnstaedt
- Publisher
- V&R unipress GmbH
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-1060-3
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 362
- Keywords
- KUK, K.U.K, Habsburg, Monarchie, Österreich-Ungarn
- Categories
- Geschichte Vor 1918