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ISBN Print: 9783847110606 – ISBN E-Lib: 9783737010603
gemeinsameFinanzministerBuri#n imMai 1907 ausführte, erschien trotzdem
die„stufenweiseAutonomisierungBosnien-Herzegowinaseinunausweichlicher
Vorgang“12 und imHinblick auf den Entwicklungsstand des Okkupationsge-
bietesunddieHaltungSerbienssaher imApril1908denMomentnahegerückt,
an dem die Eingliederung des Gebietes in die Habsburgermonarchie vorge-
nommenwerdenmüsse, umAspirationen Serbiens rechtzeitig den Boden zu
entziehen.
„Es ist eine überraschende Tatsache, dass die öffentliche Meinung der Monarchie,
abgesehenvondenSüdslaven,sichmitdemSchicksaledesOkkupationsgebietesnoch
sehrwenigbeschäftigt, jedenfallssichnochkeinklaresUrteildarübergebildethat,was
Bosnien-Herzegowina fürÖsterreich-Ungarn schließlich zu bedeuten habenwerde.
Selbst alle Erörterungen über dieses Thema in unseren parlamentarischen Körper-
schaftenhabensichmeistdaraufbeschränkt,konkretauftretendeeinseitigeAnsprüche
auf die beiden Provinzen abzulehnen, oder zugebrachten politischen Klatsch abzu-
handeln.WenigePolitikerhabendenKernderSacheberührt.Österreich-Ungarnwar
in der Frage des Okkupationsgebietes bisher so gut wie programmlos. Die Angele-
genheit erschien inderDiskussionallemalwie einProvisorium,andasnichtgerührt
werdendürfe.DereinzigeinsGewichtfallendeUnterschiedzwischenderStimmungim
Jahre 1878 und der heutigen ist der, dass gegenwärtig wohl kaum ein in Betracht
kommenderFaktorderMonarchiemehr für einAufgebenvonBosnien-Herzegowina
eintretenwürde.“13
Der erste – imGrunde: der einzige –wesentliche Expansionsschritt zwischen
1867und1914,dieOkkupationBosnien-Herzegowinas, hatte insbesonderedie
Deutsch-Liberalen nachhaltig aufgebracht und damit die InnenpolitikÖster-
reichsmaßgeblich beeinflusst. Eine Lobby der Expansion bedurfte angesichts
desSpannungsverhältnisseszwischennationalenundimperialenPrioritätender
entsprechenden Vermittlung. Hier setzte Buri#n auf die Einsicht in groß-
machtpolitischeZwangslagen,wenner fortfuhr:
„SobaldsichnundieMonarchievordieNotwendigkeitderAnnexiondervonihrseit30
Jahren verwalteten Provinzen gestellt sähe, würde wahrscheinlich ein Schauer der
Beunruhigung durch die Gemüter fahren. Diese würden sich aber nicht lange der
Einsicht verschließen können, dass die Regelung des jetzigen Zustandes ein unab-
weisliches Korollar des großen undweisen Entschlusses von 1878 bildet. Ich glaube
nicht, dass in derMonarchie bei einiger Aufklärung über die Sachlage Argumente,
außer solchenderBequemlichkeit, gesuchtundgefundenwerdenkönnten,die esun-
12 ÖsterreichischesStaatsarchiv,Haus-,Hof-undStaatsarchiv (künftig:ÖStA-HHStA),Kabi-
nettskanzlei, K. 239Korr. A 1908. Istv#nBuri#n, II. DenkschriftüberBosnienundHerze-
govina, Wien, April 1908: „Meine Denkschrift vomMai des Jahres 1907 gelang zu der
Konklusion, dass die stufenweise Autonomisierung Bosnien-Hercegovina’s ein unaus-
weichlichererVorgang[…]sei.“
13 ÖStA-HHStA, Kabinettskanzlei, K. 239 Korr. A 1908. Istv#n Buri#n, II. Denkschrift über
BosnienundHerzegovina(wieAnm.12).
GüntherKronenbitter94
Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Title
- Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
- Subtitle
- Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Authors
- Wolfram Dornik
- Bernhard Bachinger
- Stephan Lehnstaedt
- Publisher
- V&R unipress GmbH
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-1060-3
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 362
- Keywords
- KUK, K.U.K, Habsburg, Monarchie, Österreich-Ungarn
- Categories
- Geschichte Vor 1918