Page - 95 - in Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen - Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
Image of the Page - 95 -
Text of the Page - 95 -
© 2020, V&R unipress GmbH, Göttingen
ISBN Print: 9783847110606 – ISBN E-Lib: 9783737010603
bedenklichundratsamererscheinen ließenmitderAnnexionendlos zuzuwarten,bis
die großserbische Propagandanoch grösser, die Bevölkerung vonBosnien-Herzego-
wina noch freiheitsbegehrlicher, Russland noch gekräftigter, Italien noch unterneh-
mender,dieTürkeinocheinsichtsloserodereigenwilliger seinwürde.“14
Tatsächlich bildete sich, von den tagespolitischen Entwicklungen in der Kri-
sensequenz seit 1908 begünstigt, immer stärker ein expansionspolitisches Ex-
pertentum heraus, dessen Debatten-Schwerpunkte die Verhältnisse auf dem
Balkan und in der Adria bildeten. Politiker, Verwaltungsfachleute und Publi-
zisten widmeten der Lage in dieser Region wachsende Aufmerksamkeit und
erschlossenhistorische,kulturanthropologische,ökonomischeundstrategische
ArgumentederEinflussnahmeundMachterweiterungaufdemBalkan.Ohnedie
latente Gefährdung des Status quo durch regionaleAkteure undderenUnter-
stützerunterdenGroßmächten,alsoohnedefensiveAspekte,kamenÖsterreich-
Ungarns Expansionsbefürworter nicht aus. Es wäre zu fragen, ob dieser Zu-
sammenhang ,positiver‘ und ,negativer‘ Ziele in der Habsburgermonarchie
stärker ausgeprägt war als in anderen zeitgenössischen Imperien.Wie einzig-
artig war der vage beziehungsweiseminimalistisch konzipierte imperiale Ex-
pansionismusÖsterreich-Ungarns tatsächlich?
WelcheFolgerungenkönntensichausdemGesagtenfürÜberlegungenzuden
imperialen Herausforderungen Österreich-Ungarns im Spannungsfeld von
NationalismenundGroßmachtrivalität ergeben?Mir schiene eswichtig, auch
beidenkonkretenFallbeispielenLangfristperspektivenzuberücksichtigen.Die
Frage nach den Beteiligten und den Formen der Debatte um Expansion und
WahrungdesBesitzstandeskönntees leichtermachen,Vergleichezwischenden
jeweiligenBeispielen zu ziehen.Vonbesonderem Interessewärenicht nurdas
jeweilige Verhältnis von öffentlicher und interner Diskussion sowie zwischen
dynastischen,militärischen, diplomatischen, administrativen, politischenund
publizistischen Eliten, sondern auch eine gezielte Analyse der Rolle von Ex-
perten(undderGrundlagenvonKompetenzzuschreibungen).
Zu den zentralen Aspekten sollten auch die Beziehung zwischen den Vor-
stellungenderVorkriegs-undderKriegszeit zählen.Die seitKriegsbeginnver-
ändertenSpielräumeundAktionsmusterdürftenwohl selbstevident sein, aber
umsomehr Beachtung verdienen Elemente der Kontinuität bei Personenkon-
stellationen oder Programmatik. Zu diskutieren wäre dann auch, auf welche
WeisedieEntwicklungeningenuinenBesatzungsregimenderKriegszeitvonden
Problemlagen, Konzeptionen und Herrschaftspraktiken in Territorien abwei-
chen,diebereitsvor1914zurHabsburgermonarchiegehörten.MitBlickaufdie
südslawischenGebieteÖsterreichs undUngarns wären daher Dalmatien und
14 ÖStA-HHStA, Kabinettskanzlei, K. 239 Korr. A 1908. Istv#n Buri#n, II. Denkschrift über
BosnienundHerzegovina(wieAnm.12).
Expansion–ZwangsvorstellungoderKalkül? 95
Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Title
- Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
- Subtitle
- Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Authors
- Wolfram Dornik
- Bernhard Bachinger
- Stephan Lehnstaedt
- Publisher
- V&R unipress GmbH
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-1060-3
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 362
- Keywords
- KUK, K.U.K, Habsburg, Monarchie, Österreich-Ungarn
- Categories
- Geschichte Vor 1918