Page - 110 - in Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen - Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
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© 2020, V&R unipress GmbH, Göttingen
ISBN Print: 9783847110606 – ISBN E-Lib: 9783737010603
Divisionbestandvorwiegendaus russischenKriegsgefangenen, aber auchhier
wardiemilitärischeRelevanzgering.36
IndenHerrschaftsbereichderMittelmächtegerietdieUkraineerstseitEnde
1917. Im Zuge der russischen Revolutionen brachen sich in Kiew Unabhän-
gigkeitsbestrebungen Bahn, was es ukrainischen Vertretern erlaubte, mit
DeutschlandundÖsterreich-Ungarnam8./9.Februar1918einenSeparatfrieden
abzuschließen.DamitwardemLandvergönnt,waspolnischePolitiker vergeb-
lichanstrebten:DieAnerkennungalseineArtselbständigesSubjekt–zwarnur
vonGnadenderMittelmächteundvondiesenunabhängig,aber immerhin.Die
Rada hatte das auch deshalb erreicht, weil sie riesigeMengen anGetreide zu
liefernversprach.37Daswar soverlockend, dass die beidenVerbündeten–wie
obenerwähnt–ihrsogareinenTeilKongresspolenszusprachen.Daswiederum
zerstörte sämtliche bis dato gemachtenpolitischen Fortschritte in den beiden
GeneralgouvernementsWarschauundLublin.
Deutlich zeigen sich darin die Erwartungen an eine Okkupation, die im
letztenKriegsjahr nochvielmehr als früher auf dringlichewirtschaftlicheBe-
dürfnisseabzielten.DerHunger inDeutschlandundCisleithanienwarsogroß,
dassdie früherePolitikohneBedenkenüberBordgeworfenwurde:Noch1914
galten die Ukrainer in Galizien als eine Art fünfte Kolonne Russlands, und
entsprechend grausam war das Vorgehen etwa wegen Spionageverdacht –
wohlgemerkt gegeneigeneUntertanen.38Undselbstwennmanspäter erfolglos
versuchte, die Ruthenen im russischen Reich gegen den Zaren aufzuhetzen,
dachte Wien zunächst keinesfalls an deren Eigenstaatlichkeit; einerseits aus
RücksichtnahmegegenüberdenPolen, andererseitsweilwiedort gänzlichun-
geklärt war, wie sich ein ukrainischer Staat zu denRuthenen inGalizien ver-
haltenkönnte.
Und sowar es die deutsche Ostpolitik,39 die sich im letzten Kriegsjahr als
treibendeKraft erwies, auf dieÖsterreich-Ungarnnur reagierenkonnte.Nicht
zuletzt stellte sichdieFragederKooperationmitderRada inKiew–undBerlin
36 Timothy Snyder,DerKönigderUkraine.Die geheimenLebendesWilhelmvonHabsburg
[ÜbersetzungderenglischsprachigenOriginalausgabe2008],Wien2009,S. 128f.Sieheauch
Ernst Rutkowski, Die k.k.Ukrainische Legion 1914–1918 (Österreichischemilitärhistori-
scheForschungen,9/10),Wien2009undHecht,Heeresergänzung(wieAnm.28),S. 366–372,
zum Ende der Legion. Grundlegend demnächst der noch unveröffentlichte Aufsatz von
WolframDornik,ZwischenKaiser-TreueunddemKampfumUnabhängigkeit.Ukrainer in
österreichisch-ungarischenMilitärformationen.
37 FrankGolczewski,DeutscheundUkrainer1914–1939,Paderborn2010,S. 323–326.
38 HannesLeidinger, „DerEinzugdesGalgensunddesMordes“.DieparlamentarischenStel-
lungnahmenpolnischer und ruthenischerReichsratsabgeordneter zu denMassenhinrich-
tungen inGalizien1914/15, in:Zeitgeschichte33/5 (2006), S. 235–260.
39 Golczewski,DeutscheundUkrainer (wieAnm.37), S. 38fund152–163. Immernochnütz-
lich istPeterBorowsky,DeutscheUkrainepolitik1918.UnterbesondererBerücksichtigung
derWirtschaftsfragen(HistorischeStudien,416),Lübeck1970.
StephanLehnstaedt110
Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Title
- Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
- Subtitle
- Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Authors
- Wolfram Dornik
- Bernhard Bachinger
- Stephan Lehnstaedt
- Publisher
- V&R unipress GmbH
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-1060-3
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 362
- Keywords
- KUK, K.U.K, Habsburg, Monarchie, Österreich-Ungarn
- Categories
- Geschichte Vor 1918