Page - 111 - in Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen - Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
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ISBN Print: 9783847110606 – ISBN E-Lib: 9783737010603
setzte ganzklar aufweitereExpansionunddirekteBeherrschung.Diedahinter
stehenden Motive waren einmal mehr eindeutig wirtschaftlicher Art, man
träumtevonKornundKohle.40DiesaberwaraucheinZiel fürWien,undKaiser
Karl forderte Feldmarschall Eduard Freiherr von Böhm-Ermolli, den Kom-
mandeurder2.Armee, ganzdirektdazuauf,denExportvonLebensmittelnzu
organisieren:„DieRequirierungenhabenrücksichtslos,eventuellmitGewaltzu
erfolgen“.41 Aber erneut erwiesen sich die Vorstellungen als unrealistische
Träume.WederliefertedieRadaauchnurannähernddieversprocheneMengean
Getreide, nochwarendie eigenenSoldaten zuderart umfangreichenBeschlag-
nahmungenpersonell in der Lage.42 IhreMethodenbei derRequisitionwaren
deutlich aggressiver als inPolen, aber nachwie vorwurdenkonfiszierteGüter
grundsätzlichbezahlt.Wienberiefam16.Mai1918Böhm-Ermolliab,weilman
mit seinenwirtschaftlichen Ergebnissen nicht zufriedenwar unddrastischere
Maßnahmenforderte.43
DennochlagderFokusimBesatzungsgebietnachdieserPhasezwangsweiser
AufbringungaufKooperation– freilich auf deutschenDruckhinund inderen
Gebietmehr als beiÖsterreich-Ungarn –, weil sich dieOkkupanten von öko-
nomischen Anreizen größere Erfolge versprachen. Dieses hin und her, das
Ausprobieren widersprüchlicher Konzepte innerhalb kurzer Zeiträume, war
zuvor schon inSerbienundPolenzubeobachtengewesen. Es ist bezeichnend,
dass nicht einmal aus mehr oder weniger zeitgleichen eigenen Erfahrungen
beziehungsweiseMisserfolgengelerntwurde.Besatzungwarnicht strukturiert
und langfristig geplant, sondern entsprach ganzweitgehend demPrinzip von
trial anderror–undbrachtenirgendwodieerwünschtenResultate.
Es gab schlicht zu wenig kompetentes, kenntnisreiches Personal, das ent-
sprechendaufdieGegebenheitenvorOrtvorbereitetgewesenwäre.Dashinderte
Böhm-ErmollisNachfolgerAlfredKraußallerdingsnichtdaran, imk.u.k.-Be-
40 Wolfram Dornik/Peter Lieb, Die Ukrainepolitik der Mittelmächte während des Ersten
Weltkrieges, in: dies./Georgiy Kasianov/Hannes Leidinger/Alekseij Miller/BogdanMusial
(Hg.), Die Ukraine. Zwischen Selbstbestimmung und Fremdherrschaft 1917–1922, Graz
2011,S. 91–128,hierS. 116f.
41 Zitiert nach: Wolfram Dornik, Verwaltung der ,Beute‘. Organisatorische Struktur und
wirtschaftliche Ausbeutung derUkraine durch dieMittelmächte 1918, in: ders./Johannes
Gießauf/WalterM.Iber(Hg.),KriegundWirtschaft.VonderAntikebis ins21. Jahrhundert,
Innsbruck2010,S. 471–487,hierS. 475.
42 Die Anzahl der Besatzer belegt die Dringlichkeit der wirtschaftlichen Indienstnahme des
Landes.WenndieSoldatendennochnicht ,ausreichten‘, belegtdies einmalmehrdenstän-
digen ,Menschenmangel‘ der Mittelmächte im Krieg. Für Zahlenvergleiche mit anderen
Besatzungen und zum theoretischen Hintergrund: Jürgen Osterhammel, Kolonialismus.
Geschichte–Formen–Folgen,München2009,S. 70f.
43 Dornik, Verwaltung der ,Beute‘ (wie Anm.41), S. 477. Siehe auch ders./Peter Lieb, Die
wirtschaftlicheAusnutzung, in:dies./Kasianov/Leidinger/Miller/Musial (Hg.),DieUkraine
(wieAnm.40), S. 281–323.
EinEndemitExpansion 111
Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Title
- Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
- Subtitle
- Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Authors
- Wolfram Dornik
- Bernhard Bachinger
- Stephan Lehnstaedt
- Publisher
- V&R unipress GmbH
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-1060-3
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 362
- Keywords
- KUK, K.U.K, Habsburg, Monarchie, Österreich-Ungarn
- Categories
- Geschichte Vor 1918