Page - 172 - in Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen - Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
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ISBN Print: 9783847110606 – ISBN E-Lib: 9783737010603
osmanisch kontrollierten Provinzen geprägt (man denke hier etwa an Famili-
enverbände, deren Angehörige auf verschiedenen Seiten der Grenze lebten),
andererseits herrschte quasi ein permanenter Kleinkrieg in der Region. Die
,Räuberbanden‘,die ingrenznahenBezirkenimmerwiederÜberfälleverübten,
waren zugleichAusdruckeiner extremangespannten sozialenLage indenos-
manischenTerritoriendesBalkanwieauchderUnfähigkeit (oderUnwilligkeit)
derBehörden,entsprechendeGegenmaßnahmenzusetzen.1803ließErzherzog
Karldurchden Internuntius inKonstantinopel dieForderungübermitteln, die
Hohe Pforte solle für die Rodung vonGrenzwäldern sorgen, umden illegalen
Übertritt auf österreichisches Gebiet zu erschweren. Der Pascha vonBosnien
wurde tatsächlich damit beauftragt, allerdings wurden die Anordnungen der
Pforteeinfach ignoriertundeineUmsetzungbliebaus.3
Nach derÄra der Napoleonischen Kriege intensivierte sich das Interesse
vieler habsburgischer Politiker und Militärs am Zentralbalkan, nicht zuletzt
deshalb, weil der Wiener Kongress 1814/15 Dalmatien unter österreichische
Kontrolle gebracht hatte. Dieses Kronland sei, angesichts seiner speziellen
Geografie, ohnedasHinterland–alsoBosnienunddieHerzegowina– imFalle
eines Angriffs kaum zu verteidigen, so Feldmarschall Radetzky in einemMe-
morandum aus dem Jahr 1835.4 Letztgenannte Gebiete entglitten im 19. Jahr-
hundert der Zentralmacht in Konstantinopel immer weiter. Die überwiegend
sehr konservativ orientierteAristokratie Bosniens stellte sich vehement gegen
die Modernisierungspolitik der Hohen Pforte, welche auf die als „Heilsa-
merVorfall“ (vaka-ı hayriye) propagierte Zerschlagungdes Janitscharenkorps
(1826) folgte. Die seit 1839 vonSultanAbdulmejid I. forciertenReformendes
Tanzimat („Neuordnung“) sahen insbesondere die Abschaffung traditioneller
muslimischer Privilegien und die Gleichstellung von Untertanen, ungeachtet
ihrer Religion, vor und riefen bei dieser Gruppe ebenfalls regenWiderstand
hervor.5VieleAristokratenwarenNachkommenchristlicherFamilien,dienach
derosmanischenEroberungBosniens zumIslamübergetretenwaren,6Anhän-
3 BertrandMichaelBuchmann,Militär–Diplomatie–Politik.ÖsterreichundEuropavon1815
bis1835(EuropäischeHochschulschriften.Reihe3,GeschichteundihreHilfswissenschaften,
498),Frankfurt amMain1991,S. 362.
4 Karl Gabriel, Bosnien-Herzegowina 1878. Der Aufbau der Verwaltung unter FZMHerzog
Wilhelmv.WürttembergunddessenBiographie (EuropäischeHochschulschriften.Reihe3,
Geschichteund ihreHilfswissenschaften, 973),Frankfurt amMain2004,S. 25.
5 SabineRiedel, Die Erfindungder Balkanvölker. Identitätspolitik zwischenKonflikt und In-
tegration,Wiesbaden2005,S. 53.
6 Als grundlegendeArbeit zum so genannten ,Sonderfall Bosnien‘ sei hier exemplarisch ge-
nannt: SrecˇkoM.Dzˇaja, Konfessionalität undNationalität Bosniens und derHerzegowina.
VoremanzipatorischePhase1463–1804(SüdosteuropäischeArbeiten, 80),München1984.
MartinGabriel172
Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Title
- Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
- Subtitle
- Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Authors
- Wolfram Dornik
- Bernhard Bachinger
- Stephan Lehnstaedt
- Publisher
- V&R unipress GmbH
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-1060-3
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 362
- Keywords
- KUK, K.U.K, Habsburg, Monarchie, Österreich-Ungarn
- Categories
- Geschichte Vor 1918