Page - 194 - in Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen - Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
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© 2020, V&R unipress GmbH, Göttingen
ISBN Print: 9783847110606 – ISBN E-Lib: 9783737010603
gesichts der Anwesenheit mehrerer nichtdeutscher Bevölkerungsgruppen auf
demBodendesDeutschenBundesgrundlegendeBedeutung fürdieGestaltung
derNachbarschaftsbeziehungen innerhalbwie auch außerhalb des anvisierten
DeutschenReiches.Hieranmanifestierten sich zweiGrundproblemederNati-
onsbildung inMitteleuropa: zumeinendasjenigedesVolksbegriffs und inder
Folge der Definition der Staatsbürgerschaft, und zum anderen dasjenige der
Festlegung der geographischen Grenzen derNation. Der letztliche Entschluss
derPaulskirchenmehrheitzurkleindeutschenLösungreduziertedieseProbleme
zwar, imGrundsatzblieben sie aberbestehen.Gegenaufständischeunddamit
sowohl den parlamentarischen als auch den diplomatischen Lösungsweg ver-
weigerndeMinderheiten(Polen,Tschechen, Italiener)sowiegegendiedänische
KroneinSchleswig-HolsteinsahsichdieNationalversammlungzurAnwendung
militärischerGewaltgezwungen.5 ImmerhinbotdieReichsverfassungvon1849
denimdeutschenNationalstaatverbleibendenMinderheiteneineweitreichende
Kulturautonomieanundwardamitdeutlichweitblickenderalsdiemeistender
nach dem Ersten Weltkrieg entstandenen Staaten. Im großdeutschen Lager
wurdenschondamals–also langevordemFürstenSchwarzenberg–Ideen„für
ein umfassendesmitteleuropäisches Staaten- undWirtschaftssystemmit dem
MittelpunktWien“ventiliert.6
Vor diesemHintergrundmussten sich die in deutschen Staaten lebenden
slawischen Völker – in erster Linie Polen und Tschechen7 – gegenüber der
deutschenRevolutionpositionieren.DabeihattenochvorBeginnderBeratun-
gen inderPaulskirchederdazueingeladene intellektuelle Führerder tschechi-
schenNationalbewegung,derHistorikerFrantisˇekPalacky´, in seinemberühmt
gewordenenAntwortbrief andenFünfzigerausschuss seineTeilnahmemit der
Begründungabgelehnt, er fühle sichnicht alsDeutscher; zudem lasse die his-
torisch gewachsene Eigenständigkeit Böhmens trotz der langenZugehörigkeit
zumReich beziehungsweise zuHabsburg einMitwirken an der Bildung eines
deutschenNationalstaats nicht zu. Damit plädierte er für eine sowohl landes-
rechtlichealsauchethnisch-kulturelleAbgrenzungvonDeutschenund,Slawen‘
5 Vgl. GünterWollstein, Das ,Großdeutschland‘ der Paulskirche. Nationale Ziele in der bür-
gerlichenRevolution1848/49,Düsseldorf 1977.
6 ManfredBotzenhart,DieösterreichischeFrageinderdeutschenNationalversammlung1848/
49, in:MichaelGehler/Rainer. F. Schmidt/Harm-H.Brandt/Rolf Steininger (Hg.),Ungleiche
Partner?Österreich und Deutschland in ihrer gegenseitigen Wahrnehmung. Historische
AnalysenundVergleiche aus dem19. und 20. Jahrhundert, Stuttgart 1996, S. 115–134, hier
S. 119.
7 Andere, nach späterer Terminologie als ,ethnische‘ Minderheiten zu bezeichnende Volks-
gruppenwiedieSorbenoderKaschubenhattendamals(noch)keinvergleichbarentwickeltes
Selbstbewusstseinwie die auf eine eigene historische Staatlichkeit zurückblickendenPolen
undTschechen.
JensBoysen194
Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Title
- Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
- Subtitle
- Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Authors
- Wolfram Dornik
- Bernhard Bachinger
- Stephan Lehnstaedt
- Publisher
- V&R unipress GmbH
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-1060-3
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 362
- Keywords
- KUK, K.U.K, Habsburg, Monarchie, Österreich-Ungarn
- Categories
- Geschichte Vor 1918