Page - 195 - in Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen - Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
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© 2020, V&R unipress GmbH, Göttingen
ISBN Print: 9783847110606 – ISBN E-Lib: 9783737010603
in Böhmen beziehungsweise allgemein.8 Schien somit angesichts der weitrei-
chenden Germanisierungseffekte der habsburgischen Herrschaft in Böhmen
anfangseineLoslösungvonderMonarchieimslawischen–undebenbesonders
im tschechischen – Interesse zu liegen, so forderte der im Juni 1848 in Prag
tagendeSlawenkongresszwardenAusschlussBöhmensundanderer,slawischer‘
Gebiete aus demDeutschen Bund, zielte aber auf den ErhaltÖsterreichs ab.
WesentlicherHintergrundwardieBefürchtungderösterreichischenSlawen,bei
einemvollenErfolgderRevolutionzwischeneinemgroßdeutschenundeinem
magyarischenMachtblock eingeklemmt zuwerden.Deshalb nahmen dieVer-
treter der slawischen Völker mehrheitlich eine antirevolutionäre Haltung ein
und stellten sich auf die Seite derMonarchie. Palacky´ hieß inUmkehrungdes
großdeutschen Konzepts ausdrücklich einen Anschluss Deutschlands an
Österreich gut, der das stark föderative Organisationsprinzip des Deutschen
BundesbeibehaltenundaufMitteleuropaausgedehnthätte. ImErgebniswurde
derAustroslawismuszueinerVariantedesspätervorallemausPolenbekannten
Positivismus,alsevolutionärerAnsatzzurEntwicklungdereigenenFähigkeiten
imSchutzederhabsburgischenMacht,mit demFernziel einerGleichberechti-
gungderSlawenmitDeutschenundUngarn innerhalbderMonarchie (Trialis-
mus). Diese wurde also zum bestimmenden Projektionsraum der slawischen
Emanzipation.9Gleichwohlnahmenviele,slawische‘Intellektuelle–geradeauch
bei denTschechen– eine distanzierteHaltung gegenüberder Idee einerüber-
nationalenslawischenGemeinschaft ein, zumeinenwegenderoffensichtlichen
Unterschiede zwischen den hier taktisch-politisch kooperierenden Völkern,
zum anderen angesichts der schon bald erkennbar werdenden Diskrepanz
zwischendemUnabhängigkeitsgedankendesoriginärenPanslawismusunddem
HegemonialstrebenRusslands.10AuchPalacky´hatte1848 in seinemerwähnten
Brief– inAnalogie zuden1815zunichtegemachtenBestrebungenNapoleons–
dieGefahreiner russischen ,Universalmonarchie‘beschworen.
NichtzuletztdiedamalsinPraganwesenden,wennauchimVergleichzuihren
galizischenVerwandtennichtallzuaktivenpreußischenPolenhattennachdem
Scheitern ihres Aufstands imMai 1848 notgedrungen an einemWandel der
Strategie hin zum Positivismus, das heißt zu geduldiger Aufbauarbeit und
8 AbsagebriefPalacky´s andieFrankfurterPaulskirche (1848) [Auszug], in:HansEster/Hans
Hecker/ErikaPoettgens(Hg.),Deutschland,aberwoliegtes?DeutschlandundMitteleuropa:
AnalysenundhistorischeDokumente,Amsterdam1993,S. 87–93.
9 Vgl.AndreasMoritsch,DerAustroslavismus. EinverfrühtesKonzept zurpolitischenNeu-
gestaltungMitteleuropas,Wien 1996; Peter Bugge, Loyal inWord and Deed. The Czech
NationalMovement and theHabsburgMonarchy in theLongNineteenthCentury, in: Jana
Osterkamp/MartinSchulzeWessel (Hg.),ExploringLoyalty,Göttingen2017,S. 137–155.
10 Vgl.Tzu-hsinTu,DieDeutscheOstsiedlungalsIdeologiebiszumEndedesErstenWeltkriegs,
Kassel 2009,S. 87.
Mitodergegenden ,Pangermanismus‘ 195
Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Title
- Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
- Subtitle
- Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Authors
- Wolfram Dornik
- Bernhard Bachinger
- Stephan Lehnstaedt
- Publisher
- V&R unipress GmbH
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-1060-3
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 362
- Keywords
- KUK, K.U.K, Habsburg, Monarchie, Österreich-Ungarn
- Categories
- Geschichte Vor 1918