Page - 206 - in Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen - Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
Image of the Page - 206 -
Text of the Page - 206 -
© 2020, V&R unipress GmbH, Göttingen
ISBN Print: 9783847110606 – ISBN E-Lib: 9783737010603
schenGewinnmitsichbrachte.Hinsichtlichderverschiedenendamalszwischen
BerlinundWiendiskutiertenAnsätze soll hier nurderUmstanderwähntwer-
den, dass jeder von ihnen erhebliche Nachteile für dieMittelmächte aufwies,
weshalb auch bis Ende 1916 eineRückgabe anRussland nicht ausgeschlossen
wurde.WährendeinekompletteoderteilweiseAnnexiondurchDeutschlanddie
Zahl der Polen imLanddrastisch erhöht hätte, was die preußischeRegierung
kategorisch ablehnte, stießdie unter galizischemEinfluss inWien favorisierte
austropolnischeLösungaufdenWiderstandderAlldeutschenundderUngarn,
die keine Stärkung des slawischenElements in derDonaumonarchiewünsch-
ten.41
AlsletztlichentscheidendeFragealljenerNeuordnungspläneerwiessichaber
zunehmenddiejenigenachderzukünftigenStellungÖsterreich-Ungarns.Galtes
schonvordemKriegalsJuniorpartnerdesReiches,soführtedieKatastrophein
Galizien und besonders der Verlust des erprobtenmultinationalen Offiziers-
korpsunerwartet schnell zurweitgehendenmilitärischenundwirtschaftlichen
Abhängigkeit vonDeutschland,was indenAugenvielerBeobachterdieGefahr
einer völligenUnterordnungbeziehungsweiseMediatisierungderHabsburger-
monarchiemit sich brachte.42 ImFalle eines Sieges derMittelmächte und der
SchaffungeinerdeutschenHegemoniehättedaherwomöglichbeidenPolenein
erneuerter Austroslawismus im Zweifel den Vorrang vor der nationalen Ein-
heitsideeerhalten,umÖsterreichalsPuffergegenüberderdeutschenMachtzu
erhalten.
MitBlickaufdieFragenach,pangermanischen‘ZügenderBesatzungspolitik
inKongresspolenkannmit gutemGrunddasGegenteil festgestelltwerden:Da
dasHauptmotiv derReichsleitung die Einbindung eines zukünftigen Polen in
einemitteleuropäische strategische Stellungwar, förderten die deutschenund
österreichischen Behörden ungeachtet der – in Kriegszeiten gewissermaßen
normalen und durch die britische Blockade zusätzlich begründeten – wirt-
schaftlichenAusbeutungdesLandesvonBeginnaneinekulturelleundletztlich
auch politische Repolonisierung, die den nichtpolnischen Bevölkerungsteilen
imzukünftigenStaatnureinebedingtebeziehungsweisenachgeordneteStellung
verhieß,wiesichdiesnach1918auchvielfachzeigensollte.43Diesepropolnische
41 Vgl.HeinzLemke,AllianzundRivalität.DieMittelmächteundPolenimErstenWeltkrieg(bis
zurFebruarrevolution),Köln1977,S. 25–38und178–186.
42 Vgl.Wolfgang J.Mommsen,DasDeutscheReichundÖsterreich-Ungarn imErstenWelt-
krieg. Die HerabdrückungÖsterreich-Ungarns zum Vasallen der deutschen Politik, in:
Helmut Rumpler (Hg.), Der ,Zweibund‘ 1879. Das deutsch-österreichisch-ungarische
BündnisunddieeuropäischeDiplomatie,Wien1996,S. 383–407.
43 Siehe hierzu etwadieBeiträge inChristhardtHenschel/StephanStach (Hg.), Nationalisie-
rung und Pragmatismus. Staatliche Institutionen undMinderheiten in Polen 1918–1939.
SonderheftderZeitschrift fürOstmitteleuropaforschung62/2 (2013).GrundlegendzurBe-
satzungspolitik derMittelmächte jetzt Stephan Lehnstaedt, Imperiale Polenpolitik in den
JensBoysen206
Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Title
- Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
- Subtitle
- Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Authors
- Wolfram Dornik
- Bernhard Bachinger
- Stephan Lehnstaedt
- Publisher
- V&R unipress GmbH
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-1060-3
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 362
- Keywords
- KUK, K.U.K, Habsburg, Monarchie, Österreich-Ungarn
- Categories
- Geschichte Vor 1918