Page - 209 - in Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen - Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
Image of the Page - 209 -
Text of the Page - 209 -
© 2020, V&R unipress GmbH, Göttingen
ISBN Print: 9783847110606 – ISBN E-Lib: 9783737010603
Angesichts dieser Opposition wurde die territoriale Entscheidung zurückge-
nommen; dennoch schadete der Vorgang weiter der bereits angeschlagenen
ReputationderBesatzungsmächte.48
ImDeutschenReich selbst zeigtendiePolen insgesamt eine strengePflicht-
erfüllung, jedoch ohne besonderenEnthusiasmus.Dies beruhte auf der schon
vor demKrieg eingetretenen innerenDistanzierung von der preußischenRe-
gierung; ein prodeutscher Siegeswille ließ sich so kaum artikulieren. Jedoch
reichte selbst diese kühle Haltung nicht einmal bei den Nationaldemokraten
dazuaus, eineprorussischeHaltungzuentwickeln.Niemandwollte,wiederum
auch angesichts der galizischenErfahrungen, die russischeArmee inPreußen
sehen. Mithin erschien Deutschland als zwar ungeliebter, aber doch grund-
sätzlich zivilisierter Staat, in dem die polnische Gemeinschaft notfalls würde
weiterbestehen können. Bestimmte Hoffnungen richteten sich auf rechtliche
Verbesserungen nach dem Kriege und auf den Einfluss Österreichs bezie-
hungsweise der galizischen Polen. Ausschlaggebend für die Orientierung der
preußischenPolenwurden jedochdieEffekte der propolnischenKulturpolitik
der Mittelmächte in Kongresspolen; diese ließen die bestehenden Beschrän-
kungen imReich immer weniger plausibel erscheinen. AmEnde des Krieges
solltedieHaltungderpreußischenPolen in ersterLinie vonderMachtstellung
desReichesabhängen.49
Insgesamt betrachtet, lässt sich feststellen, dass die Habsburgermonarchie
nach1866/67vonverschiedenenParteien,nicht zuletztdenPolenundanderen
slawischenVölkern, aber auchzumBeispiel vondenAlldeutschen, als Schutz-
raum beziehungsweise politischer Projektionsraum betrachtet und genutzt
wurde.Hierdurchkames allerdings tendenziell auch zu einemVerlust anAu-
torität undKontrollmacht seitens derHabsburger, die im Innerenwie imÄu-
ßeren immermehr vomSubjekt zumObjektwurden.Dennochbandensiedas
DeutscheReichnach1890strategischinsolchemMaße,dassdieseszurRettung
seiner andieDonaumonarchie gebundenenMachtstellung indenErstenWelt-
krieg eintrat.DerKriegverschaffteÖsterreich-Ungarnein letztesMal eine im-
perialeRolle, nicht zuletzt alsHoffnungsträgerdermehrheitlich germanopho-
ben Polen. Seine militärische Abhängigkeit von Deutschland und andere
strukturelle Schwächen hätten jedoch auch einen Sieg imWeltkrieg wohl zu
48 Vgl. JjzefChlebowczyk,Mie˛dzydyktatem, realiamiaprawemdosamostanowienia.Prawo
dosamookres´lenia iproblemgranicwewschodniejEuropie S´rodkowejwpierwszejwojnie
s´wiatowejorazpo jej zakon´czeniu,Warschau1988,394–401.
49 Vgl. Jens Boysen, Zivil-militärische Beziehungen in denpreußischenOstprovinzen Posen
undWestpreußen während des Ersten Weltkriegs, in: Alfred Eisfeld/Guido Hausmann/
DietmarNeutatz(Hg.),Besetzt, interniert,deportiert.DerErsteWeltkriegunddiedeutsche,
jüdische, polnische und ukrainische Zivilbevölkerung im östlichen Europa, Essen 2013,
S. 127–151,hierS. 132–139.
Mitodergegenden ,Pangermanismus‘ 209
Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Title
- Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
- Subtitle
- Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Authors
- Wolfram Dornik
- Bernhard Bachinger
- Stephan Lehnstaedt
- Publisher
- V&R unipress GmbH
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-1060-3
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 362
- Keywords
- KUK, K.U.K, Habsburg, Monarchie, Österreich-Ungarn
- Categories
- Geschichte Vor 1918