Page - 251 - in Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen - Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
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© 2020, V&R unipress GmbH, Göttingen
ISBN Print: 9783847110606 – ISBN E-Lib: 9783737010603
bekenntnissen. Eine sprachlicheÖffnung des Verbandes und seines Organs
scheiterteschonanganzpraktischenProblemen,wiedieVerbandsleitungauch
offenzugab:„DasHaupthindernißbestehtindemMangeleinerderczechischen
Sprache inWort und Schriftmächtigen Person,welche zur Führung der Cor-
respondenzenunumgänglichnothwendig ist.“83DieseBemerkungwirftFragen
auf. Jene etwa, inwiefern die Übersetzung von Korrespondenz auch einen
Kontroll- und damit Machtverlust für die Wiener Verbandsleitung bedeutet
hätte.UndobdarineinGrunddafür zuerkennen ist, dassdieVerbandsleitung
einer stärkeren Einbindung nicht-deutschsprachiger Musiker/-innengruppen
skeptisch gegenüberstand, umdieWienerVormachtstellung in derVerbands-
konstruktionnicht zugefährden.84
Feststehtjedenfalls,dassderMusikerverbanddurchseineUnbeweglichkeitin
der Sprachenfrage – und darin besteht wiederum eine großeÄhnlichkeit zur
überregionalenArbeiter/-innenbewegung85 – bald in einDilemma schlitterte.
TschechischsprachigeMusiker/-innenwaren fürdenVerband längerfristignur
zugewinnen,wenndieserundseinOrgansprachlichdiversifiziertwurden.Eine
sprachlicheDiversifikationhingegenhieltdieVerbandsleitunggemäßoffizieller
Darstellung erst dann für angezeigt, wenndenZweigvereinenunddamit dem
VerbandeineausreichendhoheZahlnichtdeutschsprechenderMusiker/-innen
angehören sollte.Diese ergebnisoffenePositionderVerbandsleitung führte zu
einemjahrelangschwelendenKonfliktzwischenVertreternvonein-, zwei-oder
auchmehrsprachigenLösungenfürdasOrganunddieGremiendesVerbandes.
Und je stärkerderVerband anwuchs, desto vielstimmigerwurdenLösungsan-
sätze dieser Frage diskutiert. Die Verbandsleitung konnte sich nicht dazu
durchringen, vomPrimatderEinsprachigkeit derMusikerzeitungabzurücken.
AlsGrundpositionindieserFragekanneineFeststellungderZeitungsredaktion
vomDezember 1900 als repräsentativ gelten.Diese reagierte darin auf die Be-
merkungeinesVerbandsmitglieds, imFallederEinführungvonZweisprachig-
83 OeMZIV/19(01.10.1896), S. 95.
84 Vgl. nur schondasoben erwähnte Stimmenverhältnis bei der konstituierendenVersamm-
lung:WienhattenichtnurmitAbstanddiemeistenMitglieder,sonderninderFolgeauchviel
mehrDelegierte als die anderenZweigvereine. EinWeiterdenkenderProblematik indiese
Richtung dürfte, gerade auchmit Blick auf das inzwischen gut erforschte Verhältnis von
TranslationundMacht,aufschlussreichsein.EinprofunderForschungsüberblickbeiMaria
Tymoczko/EdwinGentzler, Introduction, in:dies.,TranslationandPower,Amherst2002,S.
XI–XXVIII. FürdieÜbersetzungspraxis inder spätenHabsburgermonarchievgl.Michaela
Wolf,DievielsprachigeSeeleKakaniens.ÜbersetzenundDolmetschen inderHabsburger-
monarchie1848bis1918,Wien2012.
85 HansMommsen zeigte auf, dass innerhalb der überregionalenArbeiterbewegung die Be-
deutungderZweisprachigkeit (beiMommsen„Doppelsprachigkeit“) etwaderParteipresse
ebenso wenig erkannt wurde wie das Potential einer paritätischen Besetzung der Füh-
rungsgremien,umnationaleGegensätzezuverhindern.Vgl.Mommsen,Nationalitätenfrage
(wieAnm.29), S. 88.
HerausforderndeMusiker/-innenorganisation 251
Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Title
- Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
- Subtitle
- Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Authors
- Wolfram Dornik
- Bernhard Bachinger
- Stephan Lehnstaedt
- Publisher
- V&R unipress GmbH
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-1060-3
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 362
- Keywords
- KUK, K.U.K, Habsburg, Monarchie, Österreich-Ungarn
- Categories
- Geschichte Vor 1918