Page - 195 - in Sportfunktionäre und jüdische Differenz - Zwischen Anerkennung und Antisemitismus – Wien 1918 bis 1938
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Case Study: Wie Julius Deutsch vor Gericht seine Ehre verlor 195
aufdieantisemitischenArgumentederGegenseiteein.Als„akkulturierter“So-
zialdemokrathatte sichDeutschvonder jüdischenFamiliengeschichtedistan-
ziert,wobei seinedezidierteZurückweisungder jüdischenFremdzuschreibung
dennochals „engagementwith Jewishness“ verstandenwerdenkann.54
Spätestens seit denpolitischenUmbruchtagendes Jahres 1918warderPo-
litiker Deutschmit antisemitischenAngriffen konfrontiert gewesen. Schon im
November 1918 kursierten etwaFlugblätter, in denendie heimkehrenden Sol-
datenvorderangeblichenjüdischenHerrschaft inderneuenRepublikgewarnt
wurden – „vernichtet den Juden Deutsch“, hieß es in diesem Pamphlet.55 In
antisemitischenHetzbroschüren der 1920er-Jahre schien Deutsch in der Liste
„jüdischer“ Sozialdemokratenauf.56
In den politischen Auseinandersetzungen mit den rechten Gegnern, vor
allem den Christlichsozialen, verfolgte Deutsch jedoch all jene ambivalenten
Haltungen zumAntisemitismus, die seine Partei in der Ersten Republik aus-
zeichnete.57Nicht zuletzt, umdemVorwurf der „Judenschutzpartei“ zubegeg-
nen, griff die SDAP inderpolitischenRhetorik auch zu „taktischemAntisemi-
tismus“, um etwa die Verbindung der Christlichsozialen undHeimwehren zu
„jüdischenKapitalisten“aufzudecken.58SobeteiligtesichDeutschanderpole-
mischenDenunzierungdesWiderspruchs zwischenantisemitischer christlich-
sozialerRhetorikundangeblicherAbhängigkeit von jüdischenBankiers.59An-
dererseits verwahrte er sich schon 1920 zumindest parteiintern gegen einen
antisemitischen Angriff des sozialdemokratischen Linzer Tagblatts auf seinen
christlichsozialenRegierungskollegen, denUnterstaatssekretär fürHeerwesen
54WolfgangMaderthaner, Lisa Silverman, „Wiener Kreise“. Jewishness, Politics, andCulture
in Interwar Vienna. In: DeborahHolmes, Lisa Silverman (Hg.), Interwar Vienna. Culture be-
tweenTraditionandModernity (Rochester2009)59–80,hier72.Deutschnahmsich,wieAnton
Pelinka schreibt, „die Freiheit, sein Judentumabzulegen. Dass er allerdings über diese seine
Entscheidungnicht schrieb, zeigt […],wieproblematischdasVerhältnis zumJudentumfür ihn
selbst seinmusste.“Pelinka,Mainstreaming, 120.
55 VGA,Parteistellenarchiv,Karton117,Mappe704,AnonymesFlugblatt, 25. 11. 1918.Zuman-
geblichen „Dolchstoß“ durch Deutsch vgl. auch die antisemitische Abhandlung von Aurelia
Gerlach, Der Einfluß der Juden in der österreichischen Sozialdemokratie (Wien/Leipzig 1939)
157f.
56 KarlPaumgartten, JudentumundSozialdemokratie (6.neubearb.u.verm.Aufl.,Graz1926)
33.
57 MargitReiter,DieösterreichischeSozialdemokratieundAntisemitismus.PolitischeKampf-
ansagemitAmbivalenzen (Paper auf derKonferenz „Antisemitismus inÖsterreich 1933–1938,
23.–26.3. 2015,UniversitätWien).
58 Reiter, Sozialdemokratie, 7–10.
59 Reiter, Sozialdemokratie, 7.
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Sportfunktionäre und jüdische Differenz
Zwischen Anerkennung und Antisemitismus – Wien 1918 bis 1938
- Title
- Sportfunktionäre und jüdische Differenz
- Subtitle
- Zwischen Anerkennung und Antisemitismus – Wien 1918 bis 1938
- Authors
- Bernhard Hachleitner
- Matthias Marschik
- Georg Spitaler
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Location
- Berlin
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-055331-4
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 376
- Categories
- Geschichte Nach 1918