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218 8 Konflikte
Die „allgemeinen“ und revisionistischen zionistischen Blätter votierten
hingegen klar gegen die Sozialdemokratie: „Der einzig richtige Weg für die
Juden ist, jüdischzuwählen.UnsereSportsleute,dieaufdemgrünenRasenso
oft siegreichblieben,müssenauch indiesemschwerenWahlkampferfolgreich
eingreifen fürdie ‚JüdischeListe‘.“150ZumindestdieStimmeunddieNeueWelt
stellten sich ab 1933/34 bedingungslos hinter den Kurs von Dollfuß und
Schuschnigg, der ihnen als Weg „zur inneren Stabilisierung“ erschien. Man
distanzierte sichweiter ganzvehementvonderSozialdemokratie, dienur„As-
similations- und Korruptionskeime ohnegleichen in die Judenschaft Oester-
reichshineingetragenhat“.151DieErmordungdesBundeskanzlersDollfußwur-
de hingegen als „Märtyrertod eines Patrioten“ bezeichnet152 und bis zum Juli
1937 beging die Kultusgemeinde alljährlich eine „Dollfuß-Trauergedenkfeier“
im Stadttempel. Alle Gebäude der Kultusgemeindewurdenmit Trauerfahnen
beflaggt, indenSynagogeneinGebet fürdasSeelenheil desVerstorbenenver-
richtet.153
InderFolgesollenanhandderSportberichterstattungzionistischerPresse-
produkteeinigePositionenderDiskussionenmitdemFokusaufdieOrganisati-
on undVerwaltung des Sportes skizziert werden. Dass es dabei nicht nur um
die Verhandlung unterschiedlicher Standpunkte ging, sondern diese auch
handfeste Konsequenzennach sich zogen, belegenmehrere Berichte derWie-
ner Morgenzeitung über Gerichtsverfahren zwischen verschiedenen jüdischen
Funktionären,etwawennderHakoah-FunktionärValentinRosenfelddieVien-
na als Anwalt gegen deren Präsidenten Alexander Neumann vertrat154 oder,
wie erwähnt, der JournalistMaximilianReicheinenEhrenbeleidigungsprozess
gegenSiegfriedDeutsch führte.155Der jüdischeASKÖ-PräsidentDr. IgnazGru-
der wiederum verklagte denMontag-Journalisten Paul Kolisch, der ihn der
Lüge bezichtigt und noch dazu – durchaus doppeldeutig imHinblick auf die
inWienüblicheKurzformvon Ignaz–„Nazi“ genannthatte.156
Der „jüdische“ Funktionär
Die zionistischenBlätter zeigten klarerweiseGenugtuung,wennSportfunktio-
näre jüdischer Klubs für Verbandsaufgaben herangezogenwurden. Sie legten
150 DieNeueWelt (31. 10. 1930) 10.
151 DieNeueWelt (23. 1. 1934) 8.
152 DieNeueWelt (27. 7. 1934) 1.
153 DieNeueWelt (20.7. 1937) 4.
154WienerMorgenzeitung (26.9. 1924) 10.
155WienerMorgenzeitung (1. 10. 1924) 13.
156WienerMorgenzeitung (20. 2. 1925) 8.
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Sportfunktionäre und jüdische Differenz
Zwischen Anerkennung und Antisemitismus – Wien 1918 bis 1938
- Title
- Sportfunktionäre und jüdische Differenz
- Subtitle
- Zwischen Anerkennung und Antisemitismus – Wien 1918 bis 1938
- Authors
- Bernhard Hachleitner
- Matthias Marschik
- Georg Spitaler
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Location
- Berlin
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-055331-4
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 376
- Categories
- Geschichte Nach 1918