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228 8 Konflikte
Gelobtwurdedennauchder–vorübergehende–Boykott seitensderTurn-
undSportfront: ImGegensatzzurRegierungundzurMehrheitderBevölkerung
habe erstmals „eine österreichische öffentliche Stelle auf die Lumpereien des
deutschen Hakenkreuzes ‚schroff‘ reagiert“. Die Absage wurde vollinhaltlich
unterstützt: „Mit Menschen, denen das Gefühl für Sitte, Menschlichkeit und
Recht als Rückständigkeit erscheint, kann es auch im sportlichen Bereich
nichtsGemeinsamesgeben.“204
Negativ kommentiertwurdedieHaltung seitensdesMakkabi-Weltverban-
des,derkeinStartverbot für jüdischeAktiveaussprach, sondernnureineBitte
andienationalenOlympischenKomiteesundSportbehörden, „jüdischeSport-
ler von der Teilnahme an der Olympiade 1936 in Deutschland zu befreien“.
Empörtwurdevermeldet, dassderdeutscheMakkabinicht einmaldieseReso-
lution mittrug, da er darin eine Kompetenzüberschreitung einer „unpoliti-
sche[n] Organisation“ sah.205 Wenig später revidierte der deutsche Makkabi
seineEntscheidung,„dadie JudeninDeutschlandnachVerkündungderNürn-
berger Gesetze nicht mehr als Bürger angesehen werden und demnach
Deutschland nicht mehr repräsentieren können“.206 Die Mehrzahl nationaler
Sportverbände tolerierte, dassdieAthletInnen selbst über ihreTeilnahmeent-
scheidendurften.Großwardaher dieAblehnungder zionistischenPresse, als
der tschechoslowakische Schwimmverband den einberufenen jüdischen
SchwimmerInneneine lebenslangeSperre androhteundkurzeZeit später drei
jüdischeVereinewegenNichtabstellung ihrer AthletInnen auf zwei Jahre sus-
pendierte.207DasveranlasstesogarNeue-Welt-ChefredakteurRobertStrickerzu
einemArtikel zumThemaSport, indemer schrieb:
„Der jüdischeSportler,dernichtnachBerlingeht,wirdwohlalseinvonderSportbehörde
‚lebenslänglich‘ bestrafter – aber anständigerMenschdurchs Lebengehen.Der jüdische
Sportler, der sich zur Fahrt nachBerlin zwingen läßt,wird vielleicht sportbehördlichbe-
lobt, sicherabervomjüdischenVolkundvonvielen, vielenNichtjudenmit ‚lebenslängli-
cher‘ Verachtungbestraftwerden.“208
Besonders scharf kommentierte Hakoah-Präsident Körner – vermutlich retro-
spektiv – die Frage der Teilnahme jüdischer SportlerInnen bei den Berliner
OlympischenSpielen:
204 DieNeueWelt (20.8. 1935) 2.
205 DieStimme (20.9. 1935) 1.
206 DieNeueWelt (4. 10. 1935) 4.
207 DieStimme (14.7. 1936) 4.
208 RobertStricker: „Lebenslänglich“– fürAnständigkeit. In:DieNeueWelt (19.6. 1936) 1.
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Sportfunktionäre und jüdische Differenz
Zwischen Anerkennung und Antisemitismus – Wien 1918 bis 1938
- Title
- Sportfunktionäre und jüdische Differenz
- Subtitle
- Zwischen Anerkennung und Antisemitismus – Wien 1918 bis 1938
- Authors
- Bernhard Hachleitner
- Matthias Marschik
- Georg Spitaler
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Location
- Berlin
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-055331-4
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 376
- Categories
- Geschichte Nach 1918