Page - 255 - in Sportfunktionäre und jüdische Differenz - Zwischen Anerkennung und Antisemitismus – Wien 1918 bis 1938
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Internationale Netzwerke 255
etwa nach Linz oder Graz.82 SchonAnfang der 1920er-Jahre hatten diese Ver-
bindungenwieder zu einem intensiven Spielverkehr zwischen diesen Städten
aufVereins-wieAuswahlebenegeführt,aberauchzuengenKooperationender
jeweiligenFunktionäre.
Und nachdemHugoMeisl jahrelang vergeblich versucht hatte, innerhalb
der FIFA eine gemeinsame Lösung der Professionalismusfrage zu erreichen,
führte er die entscheidenden Schritte nicht nur zur Etablierung eines Berufs-
fußballs inWien aus (Budapest undPrag schlossen sich in denbeidenFolge-
jahren an), sondern auch zur Einführung von transnationalen Bewerben auf
Vereins- undAuswahlebene, diedie finanzielleBasis desProfibetriebes schaf-
fen sollten:83Warendie erstenVorschläge vom–konvertierten–Rapid-Präsi-
dentenFischerausgegangen,84brachtendie–ebenso jüdischen–Funktionäre
Meisl (Wien) undMoritz Fischer (Budapest) denMitropacupundden Interna-
tionalenCup (Švehla-Cup) auf Schiene.85 GeradeHugoMeisl, „der böhmische
Jude, der in die polyglotte Großstadt Wien kam, fühlte sich genau in dieser
polyglottenWelt zuhause“.86
Meisls Netzwerke beschränkten sich freilich nicht auf denRaumder ehe-
maligenMonarchie:ErhattebesteKontaktenachItalienbishinzuBenitoMus-
solini.Der italienischeNationaltrainerVittorioPozzobezeichneteMeislals sei-
nen besten ausländischen Freund, aber auch zum führenden Funktionär und
Schiedsrichter GiovanniMauro bestanden beste Kontakte.87 Ein kleines Netz-
werk hatte Meisl aber auch in England aufgebaut, das vom Trainer Jimmy
Hogan bis zumManager von Arsenal London und wohl berühmtesten briti-
82 Pierre Lanfranchi, Fußball in Europa 1920–1938. Die Entwicklung eines internationalen
Netzwerkes. In: RomanHorak,WolfgangReiter (Hg.), DieKantendes rundenLeders. Beiträge
zur europäischenFußballkultur (Wien 1991) 163–172, hier 164;MatthiasMarschik,Metropolen
statt Provinzen. Mitropa-Idee vs. Verösterreicherung des Fußballs in der Zwischenkriegszeit.
In: Siegfried Göllner, Albert Lichtblau, Christian Muckenhumer, Andreas Praher, Robert
Schwarzbauer (Hg.), Zwischen Provinz und Metropole. Fußball in Österreich. Beiträge zur
1. Salzburger Fußballtagung (Göttingen 2016) 88–96.
83 MatthiasMarschik, „Mitropa“.RepresentationsofCentralEurope inFootball. In: Internati-
onalReviewfor theSociologyofSport36/1 (2001)7–23;MatthiasMarschik,Mitteleuropa.Politi-
scheKonzepte – sportliche Praxis. In: Historical Social Research/Historische Sozialforschung
41,H. 1 (2006) 88–108.
84 JakobRosenberg, Georg Spitaler,Grün-weiß untermHakenkreuz. Der Sportklub Rapid im
Nationalsozialismus (1938–1945). Unter Mitarbeit von Domenico Jacono und Gerald Pichler
(Wien 2011) 44.
85 MatthiasMarschik,DorisSottopietra,Erbfeindeund„Haßlieben“.KonzeptundRealitätder
BewahrungMitteleuropas imSport (Münster 2000) 200ff.
86 Hafer,Hafer,Meisl, 128.
87 Hafer,Hafer,Meisl, 128und288.
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Sportfunktionäre und jüdische Differenz
Zwischen Anerkennung und Antisemitismus – Wien 1918 bis 1938
- Title
- Sportfunktionäre und jüdische Differenz
- Subtitle
- Zwischen Anerkennung und Antisemitismus – Wien 1918 bis 1938
- Authors
- Bernhard Hachleitner
- Matthias Marschik
- Georg Spitaler
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Location
- Berlin
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-055331-4
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 376
- Categories
- Geschichte Nach 1918