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Nach 1938: Netzwerke der Flucht 263
mannschaft am 2. April 1938 wurde er von Rapid-Funktionär Hans Hierath,
Liegl undVerbandstrainer Hussak begleitet.113 Die ÖFB-Funktionäre Schwarz,
Gerö, Mütz und Schidrowitz waren ihrer Ämter enthobenworden. Die neuen
Machthaber säuberten den Sportbereich von allen jüdischen Aktiven und
Funktionären,vieleVereineerledigtendiesenSchritt imvorauseilendenGehor-
sam von sich aus, um in den Medien melden zu können, der Vorstand sei
längst „judenrein“.114 Etliche der jüdischen Funktionäre bereiteten rasch ihre
Flucht vor, anderehielten sich vorerst abwartend imHintergrund, einige,wie
JosefGerö,wurdengleichmitdemersten„Prominententransport“ indasKon-
zentrationslager Dachau verbracht. Am7. Juni 1938 beschloss der Österreichi-
sche Fußballbund unter Vorsitz des Verbandspräsidenten Eberstaller in einer
Hauptversammlung seineAuflösung.115 Eberstaller beendetedamit auch seine
eigene Karriere als führender Fußballfunktionär. In den Zeitungen tauchte er
nurmehr in seiner Funktion als Richter auf –mit einer Ausnahme: BeimBe-
gräbnis desFußballersMatthias Sindelar findet er als „Präsident des ehemali-
genOesterreichischen Fußballbundes“ Erwähnung.116 Eberstaller beging 1945
Selbstmord.
Der „Anschluss“ beendete mit einem Schlag die Karrieren Hunderter
Wiener SportfunktionärInnen. Die lokalen und internationalenNetzwerke der
jüdischen Funktionäre spielten inmanchen Fällen aber auch nach dem „An-
schluss“ eine großeRolle – imZusammenhangmit der Flucht vor demNatio-
nalsozialismus und der beruflichenwie gesellschaftlichen Etablierung in der
neuenHeimat.EindokumentiertesBeispiel,wieeinausderTätigkeitalsSport-
funktionär stammendesNetzwerkdie Flucht vor demNationalsozialismusun-
terstützt hat, ist Emanuel Schwarz.DerAustria-Präsident flohmithilfe des ita-
lienischen Verbandspräsidenten Giovanni Mauro und des FIFA-Präsidenten
Jules Rimet über Italien nach Frankreich. Eine wichtige Rolle spielte dabei
auchseinenichtjüdischeEhefrau.117ÖOC-PräsidentTheodorSchmidt reiste im
Mai 1938mithilfe italienischer FreundenachMailandundweiter nachRom.
EinBeispiel für dieHilfe durchdezidiert jüdischeNetzwerke ist dieHako-
ah. IgnazHermannKörner,dem1938dieFluchtnachPalästinagelang,berich-
tete 1942 bei einem Treffen der Exil-Hakoah in Tel Aviv, dass der ehemalige
TormannWillyHalperngemeinsammitdemLeitervonMaccabiNewYork„un-
113 NeuesWiener Tagblatt (3.4. 1938) 21.
114 Marschik, Nutzen, 92f.
115 DasKleineVolksblatt (8.6. 1938) 12.
116 NeuesWiener Tagblatt (3. 1. 1939) 8.
117 Interviewmit FranzSchwarz, demSohnvonEmanuel Schwarz, am6.9. 2007 inWien.
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Sportfunktionäre und jüdische Differenz
Zwischen Anerkennung und Antisemitismus – Wien 1918 bis 1938
- Title
- Sportfunktionäre und jüdische Differenz
- Subtitle
- Zwischen Anerkennung und Antisemitismus – Wien 1918 bis 1938
- Authors
- Bernhard Hachleitner
- Matthias Marschik
- Georg Spitaler
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Location
- Berlin
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-055331-4
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 376
- Categories
- Geschichte Nach 1918