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270 10 Nach dem „Anschluss“
aufeinzelne Individuen inpolitischerOppositionalsauchaufganzePersonen-
gruppen, bestimmte Berufsstände und Bereiche des österreichischen Wirt-
schaftslebens oder auch auf Personenvereinigungenwie Vereine undVerbän-
de, darunter jene des privaten Freizeit- und Sportbereichs.13 Juden und
Jüdinnen trafen indiesemZeitraumvor allemauchMaßnahmenderAusgren-
zung aus Bildungseinrichtungen und dem Berufsleben durch Schul-, Ausbil-
dungs- undBerufsverbote14, Regelungen zur räumlichen Isolierungvon Juden
und JüdinnendurchverschiedensteAufenthaltsge-und -verbote15 sowie staat-
licheAnordnungenzumZwangsverkaufoderderStilllegungvon jüdischenBe-
trieben.16 Zweck der Handlungen war es zunächst, die politisch erwünschte
jüdischeAuswanderung zu forcieren unddie Bereicherung desNS-Staates an
jüdischenVermögenswertenzuermöglichen.OrganisiertePogromewie jene im
Oktober undNovember 1938waren geplante Bestandteile der antisemitischen
Verfolgungshandlungenund führtenwie auch in den ersten Tagennach dem
„Anschluss“ zu Selbsttötungswellen innerhalb der jüdischen Bevölkerung.17
Die stufenweiseZunahmederEntrechtungvon jenen Judenund Jüdinnen,die
nicht emigrieren konnten und vorrangig in Wien verblieben,18 mündete
schließlich inderenVerarmungundVerelendung,dienurdurchFürsorge-und
Umschulungsbemühungen der IKG gelindert wurden.19 AbOktober 1939 (ver-
einzelt) und ab Frühjahr 1941 (systematisch) begannen Deportationen (d.h.
dauer, Berufsschädigungen in der nationalsozialistischenNeuordnungderArbeit. Vomöster-
reichischenBerufsleben 1934zumvölkischenSchaffen 1938–1940 (VeröffentlichungenderÖs-
terreichischenHistorikerkommission 16,Wien/München 2004) 107–145.
13 Dokumentationsarchiv, Widerstand, 195; Duizend-Jensen, Gemeinden, 57ff.; Rosenkranz,
Verfolgung, 149–158; Alexander Juraske, Die jüdischenVereineWiens. Von denAnfängen bis
zu ihrerAuslöschungdurchdasnationalsozialistischeRegime. In: SportZeiten 2 (2017) 43–61.
14 Vgl. etwa die Achte Verordnung zum Reichsbürgergesetz, deutsches Reichsgesetzblatt
(dRGBl) I 1939, 47bzw.GBLÖ106/1939.
15 Vgl.Botz, Stufen, insb. 368ff.
16 Vgl. die Einsatzverordnung vom3.Dezember 1938, dRGBl I 1938, 1709ff., bzw.GBLÖ633/
1938; jüdischeGeschäftehattenper 31.Dezember 1938 zu schließen.Botz, Stufen, 363ff.
17 Botz, Stufen, 362, 367; Dokumentationsarchiv,Widerstand, 195, 211–213. Vergleichszahlen
für denZeitraum1933–1937 sind zu finden in:Österreichisches Statistisches Landesamt (Hg.),
Statistisches Jahrbuch fürÖsterreich 1938 (Wien 1938) 32.
18 Dader überwiegende Teil der österreichischen Judenund Jüdinnen inWien gelebt hatte,
war die Anzahl der in denweiteren Bundesländernwohnhaften jüdischen Personen äußerst
gering; sie sank nach dem „Anschluss“ durch Emigration undUmzug in die Hauptstadt bis
15. September 1939 auf unter 500, bis Juni 1940 auf rund 100. Die Kultusgemeinden in den
BundesländernwarenperApril 1940geschlossenworden.Stuhlpfarrer, Judenfeindschaft, 170;
Lichtblau, Integration, 528, 534f.
19 Stuhlpfarrer, Judenfeindschaft, 170.
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Sportfunktionäre und jüdische Differenz
Zwischen Anerkennung und Antisemitismus – Wien 1918 bis 1938
- Title
- Sportfunktionäre und jüdische Differenz
- Subtitle
- Zwischen Anerkennung und Antisemitismus – Wien 1918 bis 1938
- Authors
- Bernhard Hachleitner
- Matthias Marschik
- Georg Spitaler
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Location
- Berlin
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-055331-4
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 376
- Categories
- Geschichte Nach 1918