Page - 305 - in Sportfunktionäre und jüdische Differenz - Zwischen Anerkennung und Antisemitismus – Wien 1918 bis 1938
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Case Study: „Der Jude soll zahlen.“ 305
von den Nationalsozialisten verfolgt worden waren.195 Über den Austria-
Schriftführer, denTextilkaufmannHeinrichBauer, berichtete viele Jahrzehnte
später Emanuel Schwarz’ Sohn:
„DerhatteeinHerrenmodengeschäft inderRotenturmstraße.DorthinschicktemeinVater
den Nausch oder den Sindelar, wenn sie gesagt haben: ‚Herr Präsident, des Bindl [die
Krawatte]dahätt igern‘.Dannantworteteer: ‚DugehstzumHeinrich‘. ‚Dashab ig’hofft‘,
hat er danng’sagt, derMotzl [Sindelar].“196
Während alle Austria-Funktionäre 1938 in Gefahr waren – der gesamte Vor-
stand setzte sich aus „Juden“nachdenNürnberger Gesetzen zusammen197 –,
galt das nicht für die Spieler der Austria, in deren Kader 1937/38 keine jüdi-
schenSportler standen.198 Bereits fünf Tagenachdem„Anschluss“ berichtete
dasNeueWiener Tagblattvom„Umbruch“ imVerein:
„ÜberAustria,dieunternichtarischerFührungsteht, istdieSperreverhängt,dasgesamte
Klubvermögensichergestelltworden.DasSekretariat istgeschlossen,eswurdeauchalles
bewegliche und unbewegliche Gut, das sich im Stadion befindet, beschlagnahmt. Da-
durchwarendieSpieler, diedurchwegArier sind,nicht inder Lage, angewohnter Stätte
zu trainieren, es ist ihnenaber gestern vondenCricketernhiezudieMöglichkeit geboten
worden.“199
ImVolksgerichtsverfahren erinnerte sichder junge–nichtjüdische–Sekretär
Egon Ulbrich, der seit 1934 beim Verein angestellt war, an den März 1938:
Schon„am13.3.wurdedasVereinslokalversperrtundversiegeltundzwarüber
Verlangen des Fussballers Hans Mock [...], der nachmeiner Meinung ausser
vielleicht vonderSA–erhatte 2SA-Leutemit, dieuntenmitKarabinerwarte-
ten–, keinenAuftraghatte“.200
195 DerAustria-ManagerLangwar imSommer1938 indieSchweizgeflüchtetundwurde1941
imbesetztenBelgradvondenNationalsozialistenermordet.Vgl.Forster,Spitaler, „Judenfreier“
Fußballsport,59.HeinrichBauerwurdeam15.Oktober1941ausWienindasGhettoLitzmanns-
tadt deportiert, wo er im Jänner 1942 umkam. Obmann-Stellvertreter Martin Medina fiel der
NS-Verfolgung im Juli 1942 in Brüssel zumOpfer. Vgl. DatenbankNamentliche Erfassung der
österreichischenHolocaustopfer, onlineunter http://www.doew.at (13. Juli 2016).
196 Forster,Spitaler,Wer’s trotzdemblieb, 42.
197 Vgl. dazu BernhardHachleitner, MatthiasMarschik, RudolfMüllner, Johann Skocek, Ein
Fußballverein aus Wien. Der FK Austria im Nationalsozialismus 1938–1945 (Wien/Köln/
Weimar 2018).
198 Forster, OpferÖsterreich, 108.
199 NeuesWiener Tagblatt (17.3. 1938) 5, zit.n.Forster, OpferÖsterreich, 106.
200WStLA,Volksgericht,A1-BgVr-Strafakten:Vg 11/55,VerfahrenVG1gVr 2613/46, Zeugen-
vernehmungUlbrich 1.7. 1946.
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Sportfunktionäre und jüdische Differenz
Zwischen Anerkennung und Antisemitismus – Wien 1918 bis 1938
- Title
- Sportfunktionäre und jüdische Differenz
- Subtitle
- Zwischen Anerkennung und Antisemitismus – Wien 1918 bis 1938
- Authors
- Bernhard Hachleitner
- Matthias Marschik
- Georg Spitaler
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Location
- Berlin
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-055331-4
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 376
- Categories
- Geschichte Nach 1918