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294 | Empirische Analysen
vermieden“ (Abraham/Fischer 1998: 37). Dies wird jedoch durch die Osttiroler
Daten nicht bestätigt, sind in der Jugendkommunikation doch trotz der im Dia-
lekt zur Verfügung stehenden synthetischen Variante mit Infix -at fast 16% der
Äußerungen mit Konjunktiv II in der würde-Umschreibung belegt. Prinzipiell
dürfte ein Grund für die Bevorzugung periphrastischer Konjunktiv-II-Bildung
auch in der „Vermeidung komplizierter morphologischer und phonotaktischer
Bildungen, d.h. undurchsichtiger bzw. schwieriger Flexionsformen, ungünsti-
ger Silbenstrukturen oder rhythmisch komplizierter Formen“ (Abraham/Fischer
1998: 43) liegen. Die Autoren nennen dafür exemplarisch das Verb zittern: zitte-
rat (synthetischer Konjunktiv II) vs. i tat zittern (periphrastischer täte-
Konjunktiv). Dieser morpho-phonologische Effekt zeige sich auch bei Verben,
„deren Stammvokal auf -t auslautet“ (Abraham/Fischer 1998: 43), z.B. beten: i
betat – i tat beten. Tatsächlich finden sich auch in den diskursiven Daten aus
Osttirol Belege für tun-Periphrasen, die möglicherweise mit diesm Einflussfaktor
der morpho-phonologischen Realisierung in Zusammenhang zu bringen sind
(vgl. Bsp. 217 a und b):364
Beispiel 217:
(a)
na oba de tat sunscht ban [NAme] oben oarbeten; [ED 4, Z. 1290]
ʹNein aber die täte sonst beim [Name] oben arbeiten.ʹ
(b)
de oarbetat sunscht ban [NAme] oben. [ML, konstruiert]
ʹDie arbeitete sonst beim [Name] oben.ʹ
Insgesamt handelt es sich bei den eben genannten möglichen Einflussfaktoren
jedoch nur um erste Beobachtungen – inwiefern die Größe des Verbalkomple-
xes bzw. die Charakteristika der infiniten Verbteile beim Gebrauch der tun-
Periphrase im Indikativ und im Konjunktiv einen auslösenden Faktor spielen
und ob funktionale Unterschiede zwischen dem periphrastischen täte- und dem
würde-Konjunktiv bestehen, müsste anhand einer noch größeren Belegsamm-
lung überprüft werden.
||
364 Weiter oben wurden in anderen Zusammenhängen bereits Belege für tun-Periphrasen mit
dem Lexem (durch-) arbeiten als Infinitiv erwähnt, nämlich Bsp. (203): tusch vierzehn toge drei
wochen oft lei DURCHoarbeten; [ED 4, Z. 1406] und Bsp. (206): und (--) zusätzlich tuat er beim
WIfi no oabeitn- [ED 5, Z. 381].
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Jugendkommunikation und Dialekt
Syntax gesprochener Sprache bei Jugendlichen in Osttirol
- Title
- Jugendkommunikation und Dialekt
- Subtitle
- Syntax gesprochener Sprache bei Jugendlichen in Osttirol
- Author
- Melanie Lenzhofer
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-050330-2
- Size
- 14.8 x 22.0 cm
- Pages
- 502
- Category
- Geographie, Land und Leute