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Thürlemann Von der Wand ins Buch
zeitig als Bezeichnung dessen, was der Ausschnitt aus Teniers’ Gemälde darstellen soll: das
‚imaginäre Museum‘ nämlich. Die erste Seite von Malraux’ Schrift hat so die Struktur eines
Emblems mit seiner klassischen Dreiteilung in imago, titulus und explicatio – wobei als ex-
plicatio nicht der hier sichtbare erste Textabschnitt allein, sondern der Text des Buches ins-
gesamt verstanden werden muss.
Ich möchte im folgenden Malraux’ Darstellung nach zwei Richtungen ergänzen, so-
wohl „nach hinten“ als auch „nach vorne“, indem ich zwei zusätzliche Fragen stelle, mit
denen sich Malraux in seinem Buch nicht oder nur ansatzweise auseinandersetzt:
• An welches Bildverständnis appelliert das klassische Museum, von dem sich das so ge-
nannte ‚imaginäre Museum‘ als Gegenmodell abhebt?
• Hat das, was Malraux das ‚imaginäre Museum‘ nennt, d. h. das neue Verständnis von
Kunst infolge der Verbreitung des illustrierten Kunstbuchs, auch Konsequenzen für die
heutige Präsentation von Kunst in den Museen und Sammlungen?
Um die erste Frage beantworten zu können, ist es vorbereitend nötig, das klassische Mu-
seum als ein Zusammenspiel von Bild, Raum und Betrachter zu beschreiben.
Das klassische Museum als doppeltes Diagramm
Das klassische Museum kann mit einer zweifachen Berechtigung als ‚Diagramm‘ bezeich-
net werden. Voraussetzung ist freilich, dass man den Begriff weiter fasst, als dies in den Le-
xika mit der üblichen Umschreibung ‚technische Zeichnung‘ der Fall ist.7 Eine diagramma-
tische Struktur im weiteren Sinne haben sowohl die begehbare Raumfolge des Museums
als auch die einzelnen Museumswände mit ihren Werken, mit denen wir uns sehend aus-
einandersetzen.
Dass das Museum, als Raumfolge verstanden, ein begehbares Diagramm ist, wird in je-
dem Grundriss deutlich, in dem das Sammelgut mit Hilfe von sprachlichen Begriffen einge-
zeichnet ist. Abb. 4 zeigt den Grundriss des ersten Stockwerks des Oberen Belvedere, in dem
Christian von Mechel 1781 die kaiserliche Sammlung für das Wiener Publikum zugänglich
gemacht hat. Wie Debora Meijers in ihrer grundlegenden Untersuchung gezeigt hat, hat
von Mechel aus der Not eine Tugend gemacht und die vorgegebene, nicht als Galerie kon-
zipierte, relativ kleinteilige Raumfolge für eine Binnengliederung des Ausstellungsgutes ein-
gesetzt, ein Verfahren, das mittlerweile in der Ausstellungspraxis zur Norm geworden ist.8
Abb. 4
Grundriss des Oberen Belvedere, Wien
(1. Stock) mit Angaben zum Bilderbestand
(aus: Mechel 1783, Det.)
Die kaiserliche Gemäldegalerie in Wien und die Anfänge des öffentlichen Kunstmuseums
Europäische Museumskultur um 1800, Volume 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Die kaiserliche Gemäldegalerie in Wien und die Anfänge des öffentlichen Kunstmuseums
- Subtitle
- Europäische Museumskultur um 1800
- Volume
- 2
- Author
- Gudrun Swoboda
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2013
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79534-6
- Size
- 24.0 x 28.0 cm
- Pages
- 264
- Category
- Kunst und Kultur