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519 Thürlemann Von der Wand ins Buch
horizontalen Reihen zeigt, dass einzelne
Gemälde gleichzeitig verschiedenen hier-
archischen Ebenen angehören. So rah-
men die beiden hochformatigen Land-
schaften L2 und R2 als Pendants die von
Philippe de Loutherbourg geschaffene
große Landschaft M, die als Einzelstück
die Mittelachse einnimmt.10 Nun dienen
aber sowohl L2 als auch R2 jeweils auch
als Mittelstücke für ein Triptychon, das
von zwei Porträts gerahmt ist: L3–L2–L1
und R1–R2–R3. Dabei erfahren zwei der
vier genannten Porträts L3 und R3 – beide
stellen eine Mutter mit Kind dar – selber
wieder einen Statuswechsel und werden
zu Mittelstücken einer Dreiergruppe: L5–
L3–L1 und R1–R3–R5.
Eine Präsentation nach dem Pendantsys-
tem stellt zuerst einmal das ihm zugrunde liegende System der Kunst dar, indem sie das
Ausstellungsgut nach Gattungen gliedert. Nur Werke derselben Gattung, von annähernd
gleichem Format, analogem Figurenmaßstab und – solange man Bilder als gerahmte Fens-
terausblicke verstand – vergleichbarem Lichteinfall und identischer Horizonthöhe konnten
als Pendants gehängt werden.
Eine Schule des Sehens
Nach dem Pendantsystem gehängte Wände haben als Ganze betrachtet zuerst eine deko-
rative Wirkung. Dieser Aspekt wird in den Quellen immer wieder betont. So wird die „or-
donnance“ oder „Ordnung“11 der Wände gerühmt, und es überrascht nicht, dass sie bis-
weilen mit dem Begriff „Fassade“ bezeichnet werden. Ordnung bedeutet aber nicht nur
Symmetrie. Die symmetrisch verteilten Bilder werden, wenn sie nicht schon als Pendants
geschaffen worden sind, sorgfältig zu stilistisch und inhaltlich aufeinander abgestimmten
Paaren zusammengestellt, die vom Besucher vergleichend wahrgenommen werden sol-
len. Die genaue Betrachtung der „abwechselnden Kontraste“ bezeichnet Christian von
Mechel denn auch als den einzigen Weg, durch den der Wissbegierige „Kenner der Kunst“
werden kann.12
Doch nicht das vergleichende Sehen allein ist entscheidend. Das Pendantsystem kann
aufgrund seiner hierarchischen Struktur als eine besonders effiziente Schule des Sehens
betrachtet werden, die auf dem systematischen Wechsel zwischen zwei Formen des Sehens
beruht. Immer dann, wenn ein einzelnes Werk zwei hierarchischen Ebenen gleichzeitig an-
gehört, sind wir aufgefordert, ihm gegenüber abwechselnd zwei verschiedene Blickein-
stellungen einzunehmen: ein auf das Einzelwerk gerichtetes ikonisches Sehen, bei dem der
dargestellte Sachverhalt verstehend bzw. einfühlend erkundet wird, und ein vergleichendes
Sehen, das – in kritischer Distanz – auf die Art und Weise der jeweiligen Darstellung, auf
ihre besonderen stilistischen Eigentümlichkeiten ausgerichtet ist. Anders als das ikonische
hat das vergleichende Sehen – André Malraux hat diesen Punkt betont – einen intellektu-
alistischen Charakter, weil es Anlass zu kategorialen Setzungen in der Art von Wölfflins
Grundbegriffen wie ‚malerisch’ vs. ‚linear’ oder den klassischen Stilbegriffen gibt.13
Wie die Analyse des Pendantsystems zeigt, war jedoch das klassische Museum – entge-
gen Malraux’ Behauptung – nicht ausschließlich auf den Vergleich hin ausgerichtet. Eine
nach dem Pendantsystem gehängte Wand appelliert immer auch an den identifizierenden, Abb. 7
Edward Francis Burney, Die Royal Academy
Exhibition von 1784 (Nordwand mit
eingezeichnetem Schema)
Die kaiserliche Gemäldegalerie in Wien und die Anfänge des öffentlichen Kunstmuseums
Europäische Museumskultur um 1800, Volume 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Die kaiserliche Gemäldegalerie in Wien und die Anfänge des öffentlichen Kunstmuseums
- Subtitle
- Europäische Museumskultur um 1800
- Volume
- 2
- Author
- Gudrun Swoboda
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2013
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79534-6
- Size
- 24.0 x 28.0 cm
- Pages
- 264
- Category
- Kunst und Kultur