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Die kaiserliche Gemäldegalerie in Wien und die Anfänge des öffentlichen Kunstmuseums - Europäische Museumskultur um 1800, Band 2
Seite - 519 -
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519 Thürlemann Von der Wand ins Buch horizontalen Reihen zeigt, dass einzelne Gemälde gleichzeitig verschiedenen hier- archischen Ebenen angehören. So rah- men die beiden hochformatigen Land- schaften L2 und R2 als Pendants die von Philippe de Loutherbourg geschaffene große Landschaft M, die als Einzelstück die Mittelachse einnimmt.10 Nun dienen aber sowohl L2 als auch R2 jeweils auch als Mittelstücke für ein Triptychon, das von zwei Porträts gerahmt ist: L3–L2–L1 und R1–R2–R3. Dabei erfahren zwei der vier genannten Porträts L3 und R3 – beide stellen eine Mutter mit Kind dar – selber wieder einen Statuswechsel und werden zu Mittelstücken einer Dreiergruppe: L5– L3–L1 und R1–R3–R5. Eine Präsentation nach dem Pendantsys- tem stellt zuerst einmal das ihm zugrunde liegende System der Kunst dar, indem sie das Ausstellungsgut nach Gattungen gliedert. Nur Werke derselben Gattung, von annähernd gleichem Format, analogem Figurenmaßstab und – solange man Bilder als gerahmte Fens- terausblicke verstand – vergleichbarem Lichteinfall und identischer Horizonthöhe konnten als Pendants gehängt werden. Eine Schule des Sehens Nach dem Pendantsystem gehängte Wände haben als Ganze betrachtet zuerst eine deko- rative Wirkung. Dieser Aspekt wird in den Quellen immer wieder betont. So wird die „or- donnance“ oder „Ordnung“11 der Wände gerühmt, und es überrascht nicht, dass sie bis- weilen mit dem Begriff „Fassade“ bezeichnet werden. Ordnung bedeutet aber nicht nur Symmetrie. Die symmetrisch verteilten Bilder werden, wenn sie nicht schon als Pendants geschaffen worden sind, sorgfältig zu stilistisch und inhaltlich aufeinander abgestimmten Paaren zusammengestellt, die vom Besucher vergleichend wahrgenommen werden sol- len. Die genaue Betrachtung der „abwechselnden Kontraste“ bezeichnet Christian von Mechel denn auch als den einzigen Weg, durch den der Wissbegierige „Kenner der Kunst“ werden kann.12 Doch nicht das vergleichende Sehen allein ist entscheidend. Das Pendantsystem kann aufgrund seiner hierarchischen Struktur als eine besonders effiziente Schule des Sehens betrachtet werden, die auf dem systematischen Wechsel zwischen zwei Formen des Sehens beruht. Immer dann, wenn ein einzelnes Werk zwei hierarchischen Ebenen gleichzeitig an- gehört, sind wir aufgefordert, ihm gegenüber abwechselnd zwei verschiedene Blickein- stellungen einzunehmen: ein auf das Einzelwerk gerichtetes ikonisches Sehen, bei dem der dargestellte Sachverhalt verstehend bzw. einfühlend erkundet wird, und ein vergleichendes Sehen, das – in kritischer Distanz – auf die Art und Weise der jeweiligen Darstellung, auf ihre besonderen stilistischen Eigentümlichkeiten ausgerichtet ist. Anders als das ikonische hat das vergleichende Sehen – André Malraux hat diesen Punkt betont – einen intellektu- alistischen Charakter, weil es Anlass zu kategorialen Setzungen in der Art von Wölfflins Grundbegriffen wie ‚malerisch’ vs. ‚linear’ oder den klassischen Stilbegriffen gibt.13 Wie die Analyse des Pendantsystems zeigt, war jedoch das klassische Museum – entge- gen Malraux’ Behauptung – nicht ausschließlich auf den Vergleich hin ausgerichtet. Eine nach dem Pendantsystem gehängte Wand appelliert immer auch an den identifizierenden, Abb. 7 Edward Francis Burney, Die Royal Academy Exhibition von 1784 (Nordwand mit eingezeichnetem Schema)
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Die kaiserliche Gemäldegalerie in Wien und die Anfänge des öffentlichen Kunstmuseums Europäische Museumskultur um 1800, Band 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Titel
Die kaiserliche Gemäldegalerie in Wien und die Anfänge des öffentlichen Kunstmuseums
Untertitel
Europäische Museumskultur um 1800
Band
2
Autor
Gudrun Swoboda
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2013
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 3.0
ISBN
978-3-205-79534-6
Abmessungen
24.0 x 28.0 cm
Seiten
264
Kategorie
Kunst und Kultur
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