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KIRSTEN WIESE
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Andersdenkenden. Deshalb solle die Richterin selbst die Wertwidersprüche
und Interessenkonflikte lösen (ebd.: 100; Baer 2001: 219). Die Bedeutung des
Kopftuchs kann aber – so die These dieses Beitrags – nicht rein normativ
bestimmt werden, weil das Kopftuch erst dadurch, dass es betrachtet wird,
zum Symbol wird. Der Staat muss die Sichtweise einer fingierten Betrachterin
entwickeln. Für diese rechtlich konstruierte Sichtweise muss der Staat em-
pirische Tatsachen berücksichtigen, die er nach der Maßgabe des GG nor-
mativ wertet. Der staatliche Entscheidungsträger soll die Bedeutung des
Kopftuchs konstruieren – so mein Vorschlag –, indem er aus der Menge der
möglichen Bedeutungen die ausgewählt, die plausibel erscheinen. Für die
Plausibilität soll es auf das Vorverständnis der deutschen Interpretationsge-
meinschaft ankommen. Denn die Rezeption eines Zeichens verlangt ein ge-
wisses Vorverständnis der Empfängerinnen, das von deren kulturellem Um-
feld geprägt wird (Köhler 1998: 386). Es ist anzunehmen, dass in Deutschland
lebende Menschen eine Interpretationsgemeinschaft bilden, deren Vorver-
ständnis eines Symbols sich auf Grund von gemeinsamen kulturellen Erfah-
rungen ähnelt (Rafi 2004: 81). Dabei kann es, da Grundrechte gerade Min-
derheiten schützen, für die Erhebung plausibler Bedeutungen des Kopftuchs
nicht ausschließlich auf die Auffassung der Mehrheit der deutschen Betrach-
terinnengemeinschaft ankommen (Baer 2001: 219).17 Für die Erhebung plau-
sibler Bedeutungen des Kopftuchs muss es vielmehr auf die über das Kopf-
tuch in Deutschland geführte öffentliche und wissenschaftliche Diskussion
und in deren Rahmen auch auf den innerislamischen Dialog über das Kopf-
tuch ankommen.18
Das Kopftuch als Zeichen männlicher Dominanz
Im Folgenden soll durch eine kursorische Analyse der in Deutschland geführ-
ten wissenschaftlichen und öffentlichen Diskussion über das Kopftuch gezeigt
werden, dass es gegenwärtig nicht plausibel ist, das Kopftuch einer Lehrerin
als Zeichen für die Unterdrückung der Frau und deren Befürwortung zu ver-
stehen (1). Plausibel ist es aber anzunehmen, dass das Kopftuch derzeit auf
Geschlechtertrennung und eine damit verbundene männliche Dominanz ver-
weist (2).
(1) Die öffentliche und wissenschaftliche Diskussion zeigt zunächst hinsicht-
lich einer geschlechtsspezifischen Bedeutung des Kopftuchs keine eindeutige
Tendenz. Einerseits sehen viele in der öffentlichen Diskussion das Kopftuch
17 Siehe auch Verwaltungsgericht (VG) Stuttgart v. 07.07.2006, Zeitschrift für Be-
amtenrecht (ZBR) 2007, 135, 135.
18 Zum Kopftuch in der innerislamischen Debatte siehe auch Spielhaus in diesem
Band.
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Title
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Subtitle
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Authors
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2009
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Size
- 14.7 x 22.4 cm
- Pages
- 526
- Keywords
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Category
- Recht und Politik