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DIE PLENARDEBATTEN UM DAS KOPFTUCH IN DEN DEUTSCHEN LANDESPARLAMENTEN
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und davon ausgehen, dass das Tragen des Nonnenhabits eine christliche religiöse
Bekundung ist, würde nach meiner Interpretation die Neutralität des Staates gefährdet
und der Eindruck erweckt, der Staat lasse dies hier zu und identifiziere sich insoweit
damit. Infolgedessen ist das Tragen der Nonnentracht nach meiner Interpretation nicht
zulässig. Aber diese Frage ist im Gesetzentwurf nicht expressis verbis geregelt. Sie
wird schließlich der Auslegung zugänglich sein« (Abg. Birzele (SPD), BW PlPr.
13/67: 4715).
Dort, wo die SPD-geführten Regierungen einen entsprechenden Antrag der
oppositionellen Christdemokraten ablehnten und für eine Einzelfallregelung
über das Beamtenrecht plädierten (SH, RP), traten die integrationspolitischen
Argumente am stärksten hervor. Gerade hier wurde im Falle eines Verbots
des Kopftuchs vor der Gefahr des Rückzugs in eine abgeschottete Parallelwelt
gewarnt und die Anerkennung des Kopftuchs als Integrationsmöglichkeit für
sich emanzipierende Frauen gesehen. Eine Ungleichbehandlung der Religio-
nen sei diesbezüglich kontraproduktiv.
Für die SPD-Fraktionen in Bayern, Hessen und (ab 2005) in NRW war die
Frage der Gleichbehandlung der Religionen zentraler Grund ihrer ablehnen-
den Haltung. Sie teilten die Befürchtung, dass durch eine intendierte Bevor-
zugung des Christentums entweder die Abschottungstendenzen der muslimi-
schen Bevölkerung gestärkt würden und/oder es über anschließende Gerichts-
entscheidungen zu einer Verbannung aller religiösen Symbole aus dem Schul-
bereich kommen könnte.
Entsprechend ihrer Programmatik lehnten die SPD-Fraktionen in ihrer
Mehrheit die Anträge der konservativen Konkurrentin CDU ab – und dies
zum Teil mit drastischer Wortwahl in den Debatten. Ausnahmen hiervon
stellten nur die Fraktionen in Baden-Württemberg und im Saarland dar, wobei
allerdings zu beachten ist, dass die beiden dortigen Gesetzgebungsverfahren
schon abgeschlossen waren, bevor die ersten Verwaltungsgerichte (VG) nach
Prüfung der Landesgesetze – und zum Teil gegen deren Wortlaut – eine strik-
te Gleichbehandlung der Religionen forderten.
Inhaltlich spannen sich die Positionen der Sozialdemokraten also über das
gesamte Spektrum von ›strikter‹ Neutralität über ›Ausnahmeregelungen‹ bis
zu ›Toleranz gegenüber allen religiösen Symbolen‹. Gemeinsam ist den Frak-
tionen aber eine zumindest implizite Ablehnung der Ungleichbehandlung der
Religionen.
Erklärungsfaktoren und parteipolitische Leitbilder
Sowohl das Zustandekommen als auch der konkrete Inhalt der ›Kopftuch-
Gesetze‹ lassen sich auf zwei Erklärungsfaktoren zurückführen: (1) die
integrations- und religionspolitischen Positionen der Parteien und (2) den sich
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Title
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Subtitle
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Authors
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2009
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Size
- 14.7 x 22.4 cm
- Pages
- 526
- Keywords
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Category
- Recht und Politik