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CHRISTIAN HENKES/SASCHA KNEIP
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Bremen folgte zumindest formal diesem Weg. Alle anderen Länder blieben
der ›offenen‹ Neutralität verhaftet, da sie kein spezielles Gesetz verabschie-
deten und religiöse Symbole im Schuldienst zunächst zuließen.
Trotz der zum Teil widersprüchlichen Position der SPD in der ›Kopf-
tuchfrage‹ lässt sich zudem konstatieren, dass der zentrale Erklärungsfaktor
für den unterschiedlichen Umgang mit der ›Kopftuchfrage‹ letztlich in den
politischen Programmatiken der Parteien und den kontingenten Mehrheits-
verhältnissen in den Bundesländern zu suchen ist. Lediglich die etwas unklare
Haltung der SPD-Landtagsfraktionen in Baden-Württemberg und dem Saar-
land fällt aus diesem Erklärungsmuster heraus. Immer dann, wenn die CDU
im Westen (mit Ausnahme Hamburgs) eine Koalition dominierte, kam es zu
einem Kopftuchverbot bei gleichzeitig intendierter Besserstellung christlicher
Symbole; war die SPD an der Regierung beteiligt, kam es entweder zu keiner
gesetzlichen Regelung oder zu einer strikt religiös neutralen. Die ›Partei-
endifferenzhypothese‹ kann also einen beträchtlichen Teil der geteilten
deutschen Gesetzeslandschaft erklären.
Die vom BVerfG und seinem Vize-Präsidenten Winfried Hassemer (Has-
semer 2004) erhoffte Belebung des gesellschaftlichen und politischen Diskur-
ses über die schwierige Frage des Kopftuchs bei Lehrerinnen muss schließlich
– drittens – skeptisch beurteilt werden. Zwar kann Hassemer darin zuge-
stimmt werden, dass sich im Nachklang des Urteils eine breite und sehr
lebhafte Debatte um die ›Kopftuchfrage‹ entwickelt hat. Allerdings hat diese
im Wesentlichen in Gesellschaft und Medien stattgefunden und kaum Wi-
derhall in den hier analysierten politischen Debatten gefunden. Vielmehr
drängt sich der Eindruck auf, dass die politischen Akteure weitgehend auf
ihren programmatisch-ideologischen Standpunkten beharrten und sich kei-
neswegs von der Kraft des besseren Argumentes der Gegenseite haben über-
zeugen lassen. Im Gegenteil: Liest man nochmals das Protokoll der eingangs
zitierten Expertenanhörung des ›Ausschuss[es] für Schule, Jugend und Sport‹
des baden-württembergischen Landtags, kann man nur verblüfft sein, wie we-
nig die dort geäußerten Bedenken der angehörten Experten bezüglich der
beabsichtigten Ungleichbehandlung der Religionen im späteren Gesetz Aus-
druck gefunden haben.
Mit Ausnahme des niedersächsischen Gesetzentwurfs ist zudem kein ein-
ziger Entwurf nach den parlamentarischen Debatten substantiell verändert
worden – und dieser auch nicht aus höherer Einsicht, sondern schlicht aus
Furcht, dass das Gesetz einer verfassungsrechtlichen bzw. gerichtlichen Prü-
fung nicht standhalten würde. Auch dies spricht nicht dafür, dass die par-
lamentarischen Debatten dazu beigetragen hätten, die Qualität der Gesetze
wesentlich zu verbessern. Das Ergebnis der Debatten um das Kopftuch, so
könnte man abschließend festhalten, stand also von vorne herein fest: Die Par-
teien haben sich von ihren politisch-programmatischen Vorstellungen leiten
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Title
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Subtitle
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Authors
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2009
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Size
- 14.7 x 22.4 cm
- Pages
- 526
- Keywords
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Category
- Recht und Politik