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FELIX EKARDT
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religiösen und religiös-säkularisierten Weltsichten. Wie man noch sehen wird,
könnte letztgenannte Einsicht für die Füllung des Konzepts der ›Neutralität‹
als einer zentralen Kategorie liberal-demokratischer Grundordnungen wesent-
lich sein. Um die so bezeichnete Problemlage im Einzelnen normativ abzu-
arbeiten, muss man die Problematik des Zusammenlebens in pluralistischen
Gesellschaften freilich insgesamt präziser analysieren, als es der bisherigen
emotionalisierten Debatte gelungen ist (siehe auch Böckenförde in diesem
Band).
Liberal-demokratische Grundordnungen bzw. Verfassungen zentrieren
sich um die Prinzipien ›Menschenwürde‹ (Respekt vor der Autonomie aller
Individuen) und ›Unparteilichkeit‹ (Unabhängigkeit von Sonderperspektiven).
Diese Prinzipien – und die aus beiden gemeinsam abgeleiteten Ideen ›maxi-
male gleiche Freiheit der Individuen‹ und ›gewaltenteilige Demokratie als
Konfliktlösungsverfahren bei Freiheitskonflikten‹ – verkörpern das, was in
der liberalen Welt mit ›Gerechtigkeit‹ (Art. 1 Abs. 2 GG) gemeint ist. Warum
überhaupt Würde? – Diese Frage beantworten liberale Verfassungen nicht
mehr. Ohne jene Begründung weiß man freilich auch nicht, was ›Würde‹ als
Basisverfassungsnorm, die die Auslegung aller weiteren Normen anleitet,
überhaupt bedeuten soll (Respekt vor der Autonomie?). Nun kann die mo-
dern-liberale Philosophie – die kritische und auch stark revidierende Fort-
schreibung Kantscher, Lockscher usw. Ideen, die den liberalen Staat theo-
retisch generiert haben – ›Würde‹ und ›Unparteilichkeit‹ mittlerweile auf eine
Weise fundieren, die die universale Richtigkeit jener Basisprinzipien und ge-
nau jenen Inhalt nachweist. Dies gelingt (unter Auflösung m. E. substanzieller
Fehlgriffe bei den liberalen Klassikern), indem man zeigt, dass (1) diese bei-
den (und zwar nur diese beiden) Prinzipien für den Menschen als Menschen
bei Strafe des Selbstwiderspruchs logisch unhintergehbar sind, sobald wir
überhaupt je – und sei es auch nur gelegentlich – mit Gründen über normative
Fragen streiten (also normativ rational sind) und dass (2) der zumindest gele-
gentliche (!) Vernunftgebrauch in normativen Fragen vom Menschen als
Menschen ebenfalls nicht vermieden werden kann. Wie gelingt dies? Dies
muss hier in aller Kürze dargelegt werden, weil nur so das Interpretationsfun-
dament für die konkreten Grundrechtsfragen von multikulturellen Konflikten
gewonnen wird (und insbesondere der Grad des zulässigen oder gerade un-
zulässigen Relativismus aufgezeigt werden kann):
Zunächst bestreiten viele schlicht die Möglichkeit rationaler normativer
Aussagen. ›Würde‹ und ›Unparteilichkeit‹ seien schlichte Setzungen und
damit bestenfalls als relativistische Konzepte zu begreifen. Richtig seien al-
lein die Norm und Ordnung einer Gesellschaft, die den rein faktischen Präfe-
renzen der Menschen (wobei dies meinen kann: Konsens oder Durchschnitts-
bzw. Mehrheitspräferenzen) oder den im jeweiligen sozialen Kontext gepfleg-
ten Traditionen entsprächen. Dass wir rein faktisch diese oder jene Präfe-
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Title
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Subtitle
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Authors
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2009
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Size
- 14.7 x 22.4 cm
- Pages
- 526
- Keywords
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Category
- Recht und Politik