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RIEM SPIELHAUS
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Einen anderen Weg gehen Frauen, die vollkommen eigenständige unab-
hängige Vereine gründen. In Köln haben sich mit dem ZIF und dem ›Begeg-
nungs- und Fortbildungszentrum für muslimische Frauen‹ (BFmF) seit mehr
als zehn Jahren zwei Einrichtungen mit sehr unterschiedlichen Ansätzen etab-
liert. Das ZIF betreibt Koranhermeneutik,22 wogegen das BFmF vor allem
schulische und berufliche Ausbildung von Schulabbrecherinnen sowie deren
Vorbereitung auf den Arbeitsmarkt anbietet.
Wie auch das Frauennetzwerk ›HUDA‹ bieten beide Zentren Beratung für
Frauen in Notsituationen an. Eine neue Tendenz ließ sich in den vergangenen
Jahren in einigen Verbänden und einzelnen Moscheevereinen auf lokaler Ebe-
ne beobachten: Frauen arbeiten zunehmend mit männlichen Funktionären und
Ehrenamtlichen zusammen und drängen in die Moscheevorstände. Von der
zweiten Generation der in Deutschland geborenen und sozialisierten jungen
Musliminnen und Muslimen gegründete Vereine, wie die bundesweit aktive
›Muslimische Jugend‹ oder der Berliner Verein ›Inssan‹, hatten bereits bei
ihrer Gründung weibliche Mitglieder auf allen Funktionsebenen. Muslimin-
nen nutzen drei unterschiedlichen Organisationsformen und damit verbundene
Strategien zur Durchsetzung ihrer Interessen:
(1) getrennte Räumlichkeiten und Strukturen in geschlechtsgemischten Orga-
nisationen
(2) Integration und gleiche Zugänge in gendergemischten Organisationen,
was den Zugang zu Ressourcen und Entscheidungsprozessen von Frauen
und Männern der Gemeinschaft einschließt
(3) exklusive Organisationen muslimischer Frauen mit unabhängigen Struktu-
ren, Räumlichkeiten und Entscheidungsprozessen.
Dies verdeutlicht nicht nur, dass Musliminnen öffentliche Räume in un-
terschiedlicher Weise nutzen, sondern auch, dass die bis heute in manchen
akademischen Schriften gehegten Vorstellungen von öffentlichen und pri-
vaten Sphären hinterfragt werden müssen. Die weiblichen Räume sind nicht
gleichzusetzen mit privaten Sphären, vielmehr stellen Frauenräume in Mo-
scheen und Frauenzentren Formen von Öffentlichkeit dar.
Fazit
Die ›Kopftuchdebatte‹ in Deutschland trug als diskursives Ereignis beträcht-
lich zur Formierung und Vereinigung, sowie gleichzeitig zur Ausdifferenzie-
rung und Polarisierung muslimischer Gruppen und Positionen im gesell-
schaftspolitischen Diskurs bei. Im Gegensatz zu anderen Debatten, wie die die
22 Ein Beispiel ist die hermeneutische Betrachtung zum Koranvers 4.34, erarbeitet
und herausgegeben vom ZIF; siehe ZIF 2005.
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Title
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Subtitle
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Authors
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2009
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Size
- 14.7 x 22.4 cm
- Pages
- 526
- Keywords
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Category
- Recht und Politik