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KONFLIKTE UM DER FREIHEIT WILLEN SIND UNUMGÄNGLICH
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berg gemacht. Wir haben die Ausstellung »Die verschleierte Gewalt« ge-
nannt. Das Ganze fand im Rahmen der Internationalen Bauausstellung statt.
Es gab damals eine starke Frauenbewegung in Berlin, die sich mit der
gängigen Bearbeitung des Falles nicht zufrieden geben wollte. Das hat mich
sicherlich auch ermutigt, die türkischen linken Vereine direkt aufzufordern,
zu unserer Ausstellung zu kommen und sich explizit mit dem Thema ausein-
anderzusetzen. Es fanden mehrere Diskussionsveranstaltungen im KATO
während der Ausstellung statt. Das waren wohl die ersten politischen Ausein-
andersetzungen zwischen der Frauenbewegung und der inter/nationalen Lin-
ken vor Ort. Ganz praktisch versuchte ich in meinen Moderationen, den lin-
ken Theorien Leben abzugewinnen. Und zwar zum Schutze der Frauen. Das
hatte zur Folge, dass es große Solidarisierungen mit den Frauen gab, es gab
Initiativen von Taxifahrern, die immer in der Nähe des TIO herumgefahren
sind, weil die Polizei damals nicht in der Lage war, das TIO wirklich zu
beschützen. Das war rückblickend meine erste Konfrontation mit dem Thema
Rassismus und Feminismus. Wir Feministinnen aus den damaligen Zusam-
menhängen zwischen Uni und Projekten haben uns eben nicht von Rassis-
musvorwürfen einschüchtern lassen. Denn wir verstanden uns als links und
feministisch.
Aber die Debatte zwischen Rassismus und Feminismus begann an allen
späteren Frauen-Sommerunis, vor allem in Bremen, ein Thema anderer Art zu
werden. Der Feminismus wurde verdächtigt, rassistisch zu sein, sich nur für
die Interessen der weißen Frauen einzusetzen, während migrantische Frauen
von uns als Opfer ihrer Männer dargestellt würden. Das Problem, dass es so-
wohl rassistische, aber auch Opfer des Sexismus gibt, wurde quasi theoretisch
gesäubert. Jedenfalls verschob sich die Debatte und es wurde immer schwie-
riger, über Opfer generell zu sprechen. Damit meine ich aber explizit nicht die
sehr einflussreiche Mittäterschaftsdebatte, die es meiner Meinung nach gera-
dezu gebot, es den am und im Patriarchat mittuenden und davon profi-
tierenden Frauen, nicht die nötige Kritik vorzuenthalten. Dennoch wurde uns
zunehmend ein Rassismus vorgehalten, wenn wir die spezifischen Probleme
von Migranten und Migrantinnen thematisierten. Ich wusste überhaupt nicht
richtig mit dem ›feministischen‹ Vorwurf des Rassismus umzugehen. Ich ha-
be nicht verstanden, warum unser ›Opfer-Feminismus‹ beschuldigt wurde,
rassistisch zu sein, ich gar beschuldigt wurde, rassistisch zu sein. Ich fand und
finde das auch immer noch falsch. Ich bin ja selber Migrantin, nach dem
Krieg bin ich mitgenommen worden, ich konnte kein Deutsch und bin dann
im Ruhrgebiet aufgewachsen. All das, was die Kinder von Migranten und Mi-
grantinnen heute erzählen, das kenne ich wirklich alles selber aus eigener
Erfahrung. Es hielt uns die katholische Kirche im Würgegriff – sie war von
hinten auf die Reinheit und Dummheit der Mädchen aus. Heute noch bin ich
sauer darüber, wie die Gesellschaft katholische Mädchen aus diesem Milieu
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Title
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Subtitle
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Authors
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2009
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Size
- 14.7 x 22.4 cm
- Pages
- 526
- Keywords
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Category
- Recht und Politik