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KONFLIKTE UM DER FREIHEIT WILLEN SIND UNUMGÄNGLICH
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früh nach Jesus wieder für die Ungleichheit der Geschlechter missioniert hat,
ist doch verwunderlich. Die katholische Theologie hat eine reiche Tradition
an Deutungen. Doch hätten nicht viele Feministinnen, wie auch ich, bei
Kirchentagen die Lehren in Frage gestellt, hätten die katholischen Wür-
denträger weiter gekanzelt. Ich kenne etliche feministische Frauen, die aus
welchen Gründen auch immer in der katholischen Kirche sind und bleiben
wollen, aber ganz offen den Papst als unfehlbaren Vertreter Gottes mitsamt
seinen Vertretern lächerlich finden. Interessanterweise werden in der nicht-
kirchlichen Öffentlichkeit, z.B. in der Politik, die christlichen Kirchen viel
ernster genommen als von ihren eigenen Mitgliedern. Solche Allianzen geben
doch zu denken.
Sabine Berghahn: Gerade dann müsste man ja zugestehen, dass innerhalb
muslimischer Gemeinden die Autoritäten konfrontiert werden. Teilweise fin-
det das auch schon statt. Es gibt durchaus mutige Musliminnen, die andere
konkurrierende Interpretationen der Religion liefern, die in den Gemeinden
eine eigenständige Arbeit etablieren und feministische Positionen vertreten.
Halina Bendkowski: Ich kenne nur Seyran Ateş und Necla Kelek.
Petra Rostock: Die gehören allerdings nicht zu den von Sabine Berghahn
beschriebenen Musliminnen, weil sie gar nicht gläubig sind. Wenn es um eine
Auseinandersetzung innerhalb einer Religion geht, warum sollte man sich
dann mit Nicht-Gläubigen über die Auslegung der religiösen Normen ausein-
andersetzen?
Halina Bendkowski: Das Problem dieser Religion ist ja, dass viele ihrer Ange-
hörigen fast gar kein Leben außerhalb dieses Kulturkreises kennen. Insbe-
sondere die Mädchen sind ihren Familien ausgeliefert und dadurch kulturell
isoliert. Das war ja auch bei uns so. Religion als Kultur ohne Religionsfrei-
heit. Es gibt ja die Religionsfreiheit im Islam nicht, im Katholizismus auch
nicht bis 1965. Die religiösen Ordnungshüter wissen natürlich, dass viele
Muslime ihren Glauben nicht ›richtig‹ praktizieren. Wenn Du sagst, Necla
Kelek oder Seyran Ateş sind nicht religiös – natürlich kritisieren sie den Islam
von außen, aber sie sind von diesem Kulturleben wahrscheinlich bis in den
letzten Winkel ihres Seins beeinflusst. Umso heftiger kritisieren sie den Islam
von außen und umso heftiger werden sie auch attackiert. Das macht es für sie
wahrscheinlich nicht einfacher.
Aber ich möchte gerne wissen, wer sich in der islamischen Community
traut, zum Beispiel die Imamausbildung zu kritisieren. Es wird ja – das ist ein
Fortschritt der ganzen Debatten, muss ich sagen – in Berlin-Lichtenberg eine
Schule eingerichtet, in der Imame ausgebildet werden sollen, damit die
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Title
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Subtitle
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Authors
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2009
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Size
- 14.7 x 22.4 cm
- Pages
- 526
- Keywords
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Category
- Recht und Politik