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SABINE BERGHAHN/PETRA ROSTOCK/HALINA BENDKOWSKI
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mit wurde behauptet, es hätte vorher den Feminismus gegeben? Das immer
wieder zu behaupten, macht es nicht wahrer. Wer sich nur ein wenig in der
Geschichte der Frauenbewegung auskennt, weiß, dass es die unterschied-
lichsten Zirkel, Klüngel, Zentren, aber dadurch auch interessante Lektüren
und Debatten gab, solange es um die Befreiung von Frauen nicht nur theo-
retisch ging. Die Debatte um Differenzen ist mir wohl vertraut. Ich kenne
diese Debatte auch aus den USA, wo sich die schwarzen Frauen in Differenz
zum weißen Feminismus zum ›womanism‹ bekannten. Dabei ging es aber
nicht um den Rassismus der Feministinnen, denn die Feministinnen der ›Wo-
men’s Liberation‹ hatten sich damals in ihrer Selbstpolitisierung gerade dafür
entschieden für sich selber denken und sprechen zu wollen. Und dabei war
nicht der Rassismus dieser Feministinnen verantwortlich, dass die schwarzen
Frauen nicht mitmachen konnten. Das ist Unsinn. Sondern es war der Rassis-
mus der Gesellschaft, der den schwarzen Frauen die Chancen verweigerte an
Universitäten zu lernen. Es gibt keine einzige feministische Legitimation da-
für. Nicht die aufbegehrenden Feminstinnen waren antischwarz, sondern die
von ihnen kritisierten Verhältnisse. Aber diese Differenzen waren von den
weißen Frauen, von den engagierten Feministinnen doch nicht gewollt. Sol-
che Feministinnen zu Rassistinnen zu erklären, finde ich unmöglich.
Sabine Berghahn: Das habe ich auch nicht getan. Mir geht es um die An-
erkennung von Differenzen, darum, dass man nicht immer alles von dem
eigenen Standpunkt, den eigenen Deutungen und Empfindungen aus, in-
terpretieren kann.
Halina Bendkowski: Das wiederum finde ich so klar wie Kloßbrühe. Natürlich
weiß ich, wenn ich damals in der ›Frauenaktion Scheherazade‹11 arabische Fe-
ministinnen getroffen habe, dass deren Kulturhintergrund ein ganz anderer
war. Das war schwierig, ich hatte damals Hemmungen zu sagen, dass ich les-
bisch bin, ich dachte, ich überfordere sie damit vielleicht. Das finde ich jetzt
im Nachhinein feige. Ich habe vor kurzem eine Website von palästinensischen
lesbischen Frauen entdeckt. Ist das nicht wunderbar? Wenn man aus frag-
würdiger Rücksicht nicht die Realität thematisiert, lässt man die Frauen damit
alleine. Aus heutiger Sicht finde ich diese Art von Rücksichtnahme einfach
falsch. Was heißt denn, ganz ernsthaft, Pluralität? Als Feministin geht es mir
11 1991 gründeten Ute Scheub (taz) und Halina Bendkowski in einer Berliner Kü-
che die ›Frauenaktion Scheherazade‹: Sie starteten eine ›Urabstimmung gegen
den Krieg‹ im Golf und 50 000 Frauen aus aller Welt unterschrieben ihr Mani-
fest, das dann dem UN-Generalsekretariat in New York übergeben wurde. Nach
dem 11. September 2001 wurde die ›Frauenaktion Scheherazade‹ wieder aktiv:
Ihr neues Projekt war die Gründung eines ›Weltfrauensicherheitsrats‹, der dem
Weltsicherheitsrat zur Seite stehen soll.
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Title
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Subtitle
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Authors
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2009
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Size
- 14.7 x 22.4 cm
- Pages
- 526
- Keywords
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Category
- Recht und Politik